INTERPRETEN - Mariss Jansons

»Ich liebe meine Orchester«

Er hat nicht so viel Glamour wie seine Kollegen Muti, Mehta und Maazel. In internationalen Orchester-Rankings ist Mariss Jansons jedoch der Sieger. Denn als Chefdirigent des Concertgebouw in Amsterdam und des BR-Symphonie-orchesters in München leitet er zwei Weltspitze-Ensembles, die in Umfragen stets unter den Top Ten vertreten sind. Marco Frei traf den »unbekannten« Weltstar.

Mariss Jansons
Fotos: BR (Matthias Schrader und Astrid Ackermann)

Wenn man Mariss Jansons fragt, wie er das Ko ­nin ­k ­lijk Concert ­gebou ­wor ­kest in Amsterdam und das Sym ­pho ­nieorchester des Bayerischen Rund ­funks (BR) in München näher cha ­rak ­teri ­sie ­ren würde, funkeln seine Augen. »Sie sind wie zwei verschiedene Menschen«, antwortet er. »Ich übertreibe jetzt etwas, aber der eine ist lebendig, mit viel Tem ­perament. Und der andere ist ein bisschen ruhiger. Die Amsterdamer – und generell die Niederländer – sind außen ruhig. Innerlich können sie aber temperamentvoll und emotional sein, wenn sie mit etwas nicht zufrieden sind. Die Münchner haben auch während der Probe viel Energie und Emotionalität. Das ist, glaube ich, der große Unter ­schied. Ich kann nicht sagen: Das hat dieses Orchester und das andere nicht. Ich weiß für mich: Das erwartet mich hier und dort.«

Seit 2003 wirkt Jansons in München. Ein Jahr später wurde der Dirigent, der 1943 im jüdischen Ghetto der lettischen Hauptstadt Riga geboren wurde und 1956 nach Leningrad (heute St. Peters ­burg) übersiedelte, zudem Chef in Ams ­ter ­dam. Wie sich die Klangprofile unterscheiden? »Als Ausgangspunkt kann man vielleicht sagen, dass die Bayern einen deutschen Klang haben – voller und dunkler. Die Amsterdamer sind vielleicht raffinierter und durchsichtiger, sie haben feinere Farben. Wenn ich in Mün ­chen aber an Feinheiten arbeite, folgt das Orchester. Und wenn ich in Ams ­ter ­dam an Emotionalität, Spon ­taneität und Temperament arbeite, bekomme ich das auch.«

Thomas Hampson
Mariss Jansons legt keinen Wert auf Star-Rummel, ihm geht es nur um die Musik. Und das sieht man ihm an, sobald er den Taktstock in die Hand nimmt.

Tatsächlich hat es Jansons in kurzer Zeit geschafft, den Klang der BR-Sym ­phoniker weiter zu öffnen: Die Münch ­ner können nicht nur dunkel, erdig und voll klingen, sondern ebenso schlank, luzid und klar. Dabei geht Jansons behutsam vor: »Manche haben blaue Au ­gen, andere grüne. Sie können Elemente für die Interpretation einführen, aber ich möchte nicht blaue Augen grün färben und alles absolut anders machen. Es wäre gegen die Persön ­lich ­keit und Indi ­vidualität. Ich muss verstehen und fördern, nicht zerstören.« Diese Art des Arbeitens eint ihn mit Diri ­gen ­ten wie Bernard Haitink, Claudio Abbado oder David Zinman, so unterschiedlich sie auch sind.

Selbstbefragung, Neugierde und Offen ­heit sind zentrale Grundprinzipien, das Konservieren ist seine Sache nicht. Ob ­wohl Jansons in Leningrad Jewgeni Mrawinski assistierte (wie zuvor sein Vater Arvid Jansons) und ebenso bei Hans Swarowsky und Herbert von Ka ­rajan lernte, lässt er sich in keine Schub ­lade zwängen. Das zeigen auch seine Tschaikowsky-Deutungen (siehe Kas ­ten): Einen »russischen« Zuschnitt bedient er nicht, Tschaikowsky wird klassisch entschlackt – mit fesselndem Er ­geb ­nis. Wer sonst mit Tschaikowsky Prob ­ ­leme hat, wird hier fündig.

»Ich liebe Haitink sehr, als Mensch und Dirigent«, bekennt Jansons. »Wir sind sehr gute Freunde und sprechen fast regelmäßig. Er hat damals den fantastischen Klang des Amsterdamer Con ­certgebouw als Leiter entwickelt, das ist sein großes Verdienst. Er imponiert mir sehr als ein ernsthafter, tiefgründiger Künstler. Ihm sind die Musik und die innere Welt wichtig, er ist sehr seriös, sen ­sitiv und ein sehr bescheidener Mensch. Ich fühle eine Brücke zwischen uns.« Es sind die Uneitelkeit und Auf ­richtigkeit, die Suche nach inneren Wahr ­heiten, das tiefe Gemüt und die Herzenswärme, die unbedingte Menschen ­liebe und Empa ­thie, die Jansons als Musiker und Per ­sön ­lichkeit auszeichnen.

Viele Musiker sprechen von einer »familiären Atmosphäre«, auch wenn hart gearbeitet wird. Allen in seiner Umge ­bung begegnet er mit Respekt und An ­teilnahme, davon weiß auch Florian Pospichal zu berichten. Seit 2007 fährt der Student Jansons und dessen Ehefrau durch München. »Sie sind außerordentlich liebenswert und gütig«, schwärmt er. »Jansons vergisst nichts. Er fragt nach Prüfungen, von denen ich ihm mal beiläufig erzählt habe. Er wollte sogar schon intervenieren, als ich mal Probleme mit einem Pro ­fessor hatte.« Bei Educa ­tion-Programmen zeigt sich regelmäßig, dass Jan ­sons auch eine glückliche Hand für Ju ­gendliche hat. Er nimmt sie ernst, probt mit ihnen wie mit Profis. »Ich liebe es, mit jungen Leuten zu arbeiten. Wir müssen zu ihnen gehen und Türen öffnen.« Bei Jansons ist das kein PR-Gag.

Auf der Japan-Tournee im Herbst 2009 gastierten Jansons und die Münchner auch im Tokyo College of Music, um mit einem Studenten ­orchester zu arbeiten. Alles oder nichts, so lautet seine Devise. Er ist ein Perfektionist, künstlerisch und menschlich, stellt höchste Ansprüche – zuvorderst an sich selber. Dieses unerbittliche Engagement führt ihn zuweilen an die Grenzen seiner Ge ­sundheit. Vor vierzehn Jahren erlitt Jansons in Oslo beim Dirigieren der »Bohème« einen Herzanfall. »Mariss arbeitet zu viel«, sagt Jansons Ehefrau Irina. »Das ist gefährlich, tödlich gefährlich. Ich mache mir manchmal große Sorgen, das weiß er.« An einem Strand in Jalta am Schwarzen Meer haben sie sich kennen gelernt, 1985 war das. »Es war Liebe auf den ersten Blick«, erinnert sie sich. »Ich wusste nicht, dass er ein Dirigent war.« Etwas schüchtern und zurückhaltend soll Jansons gewesen sein, »was mir gerade gut gefiel«. Ihren Arzt ­be ­ruf hat sie aufgeben: »An seiner Seite gibt es immer viel Arbeit. Wissen Sie, ich bin etwas eifersüchtig auf seine Diszip ­lin. Ich hätte gerne mehr Wochenenden mit ihm.«

Als sie sich kennen lernten, waren beide verheiratet. »That´s life«, schmunzelt Irina Jansons: »Sie können das gerne schreiben, wir haben keine Geheim ­nisse. In den ersten drei Jahren unserer Beziehung haben wir versucht, alles beim Alten zu lassen, aber es war zu kompliziert.« Und die Sorgen um die Gesund ­heit sind höchst berechtigt: Erst kürzlich musste Jansons Dirigate in München absagen. »Gott sei Dank kann ich sagen, dass diese schwierige Periode nun vorbei ist«, so Jansons. »Ich fühle mich gut, und auch die Ärzte sprechen von sehr guten Resultaten. Jeder Mensch muss an seine Gesundheit denken – auch wenn er glaubt, gesund zu sein.«

Ob er manchmal zu viel Herzblut investiert? »Vielleicht, aber ich kann nicht sagen, dass ich etwas begrenzen muss. Wenn man Freude hat und das Resultat bekommt, was man wünscht, ist das ein Zurückzahlen. Wenn Sie diese Freude nicht haben und unglücklich sind, kann es ein negativer Stress sein. Ein positiver Stress ist aber, wie die Ärzte sagen, für jeden gut.« Trotzdem kursieren in Mün ­chen Namen, wenn es um eine mögliche Jansons-Nachfolge geht. Besonders häu ­fig fallen die Namen Franz Welser-Möst, Esa-Pekka Salonen und Andris Nelsons, der junge, spannende Landsmann von Jansons: Auch das Tonhalle-Orchester in Zürich ist scharf auf ihn.

Es scheint, dass diese Diskussion unerheblich ist, denn höchstwahrscheinlich wird Jansons mit dem Intendanten ­wechsel beim Bayerischen Rundfunk seinen 2012 auslaufenden Vertrag um drei Jahre bis 2015 verlängern. Was danach kommt, ist Zukunftsmusik. »Ich fühle, dass ich in Amsterdam und Mün ­chen Aufgaben und Ziele habe, die verwirklicht werden müssen«, sagt Jansons. Und er selber? Fehlt ihm die Oper, mit der er als Kind aufgewachsen ist? Hadert er damit, dass er in Amsterdam nur sehr selten Opern dirigiert und in München bestenfalls konzertant? »Das ist eine schmerzhafte Frage«, gesteht Jansons. »Ich will wahnsinnig gern Opern dirigieren. Wahnsinnig! Das fehlt mir, und darüber bin ich unglücklich. Um es ehrlich zu sagen: Oper ist das, was ich möchte, und das ist so geblieben. Wenn ich nur Opern dirigieren könnte, wäre ich vielleicht der Glücklichste. Diese Wahrheit habe ich noch nie offen gesagt.«

Er lebe in der Hoffnung, eines Tages Zeit zu haben und nur Opern zu dirigieren. »Vielleicht ist das idealistisch, ich bin schließlich keine 20 mehr. Aber warum nicht? Dirigenten arbeiten ziemlich lange.« Mit einem Lachen ist Jansons wieder in der Realität. »Ich liebe meine Orchester, ich liebe meine Arbeit. Ich versuche, alles für sie zu tun.« Ob er sich irgendwann für Amsterdam oder München entscheiden würde? »Ich kann darauf nicht antworten. Das ist wie bei Kindern: Eines muss mit dem Vater leben, das andere mit der Mutter. Für wen entscheidet man sich? Wie können Sie das sagen, wenn Sie beide lieben? Ent ­weder beide oder keines. Vielleicht ist das nicht die richtige Antwort, aber ich kann es nicht anders sagen.«

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Interpret aus der Ausgabe Februar 2011