Maurizio Pollini

Romantik und Routine

Er hat Chopin vom Salonstaub befreit, Beethovens Sonaten architektonisch entschlüsselt und immer wieder Neue Musik aufs Programm gesetzt. Auch Brahms´ erstes Klavierkonzert hat Maurizio Pollini gleich zweimal aufgenommen. Zu seinem 70. Ge ­burtstag erscheint nun die dritte Einspielung. Mario-Felix Vogt hat sie unter die Lupe genommen.

Pfingsten 2011 gab Maurizio Pollini sein allererstes Konzert in der Dresdner Semperoper. (Foto: Harald Hoffmann/DG)
<i>Pfingsten 2011 gab Maurizio Pollini sein allererstes Konzert in der Dresdner Semperoper. (Foto: Harald Hoffmann/DG)</i>

Sie sind fürwahr ein ungleiches Paar. Der italienische Links ­intel ­lektuelle mit dem Faible für Neue Musik und der aus seiner Intuition schöpfende konservative deutsche Ro ­mantiker mit »einem tief sitzenden Groll« gegen »destruktive Musikerleb ­nisse« (Thielemann in: »DIE ZEIT«). Maurizio Pollini und Christian Thiele ­mann in Kombination, das lässt Unge ­wöhnliches erwarten. An den Pfingst ­ta ­gen 2011 haben sie sich an des Dirigen ­ten neuer Wirkungsstätte Dresden mit der Sächsischen Staatskapelle Johannes Brahms´ erstes Klavierkonzert vorgenommen, und die Deutsche Grammo ­phon hat das Ganze live mitgeschnitten. Für Pollini verkörperten diese Konzerte etwas ganz Besonderes, waren dies doch seine ersten Auftritte in der Semperoper und zugleich seine ersten Konzerte mit der Staatskapelle Dresden seit 25 Jahren. Zu DDR-Zeiten gehörte der Italiener nämlich zu den wenigen Solisten der westlichen Welt, die live mit dem traditionsreichen Klangkörper konzertieren durften, die meisten Westkünstler reis ­ten nur zu Plattenaufnahmen nach Dres ­ ­den. Zweimal hat er das »Erste Brahms« bereits eingespielt: 1979 mit den Wiener Philharmonikern unter Karl Böhm und 1997, da waren die Berliner Philhar ­mo ­niker seine musikalischen Partner, dirigiert von Pollinis langjährigem Freund Claudio Abbado.

Im Idealfall bieten große Pianisten – bei meist zu verschmerzenden kleinen Abstrichen an Virtuosität und Präzision – im Alter eine gereifte Sicht auf die Werke, mit denen sie sich jahrzehntelang auseinandergesetzt haben. Emil Gilels späte Beethoven-Einspielungen klingen nachdenklicher und strukturbewusster als seine stürmischen Auf ­nah ­men aus der Jugend, und auch ein Alfred Brendel entdeckte im siebten Lebens ­jahrzehnt zuvor ungeahnte Zwischen ­töne in den langsamen Sätzen von Mo ­zarts Klavierkonzerten.

Leider lässt sich dies über Pollinis aktuelle Aufnahme mit der Staatskapelle Dresden nicht sagen, sie reicht an seine beiden vorherigen Brahms-Einspie ­lun ­gen nicht heran. Vieles wirkt eher routiniert abgespult als engagiert vorgetragen. Sicherlich, Klavier spielen kann der italienische Starpianist immer noch sehr gut, die Triller und die kraftvollen Oktaven des Kopfsatzes, all das meistert er souverän. Indes, es fehlt an einem wirk ­lichen Interpretationswillen, an einem ganz persönlichen Zugang zu Brahms´ Kosmos. So erklingen die Seuf ­zermotive im langsamen Satz seltsam unprofiliert, ohne das Espressivo-Ge ­wicht und die dynamischen Feindiffe ­renzierungen, die ihnen Pollini in seiner ersten Ein ­spielung mit den Wiener Philharmo ­nikern zuteilwerden ließ. Auch das Rondo hat dort mehr Biss, mehr Paprika, der Dresdner Aufnahme mangelt es im Vergleich am rechten Impetus, reichlicher Pedal ­einsatz verunklart das Ganze zusätzlich. Ein weiteres Manko ist der metallisch-monochrome Klavierklang Pollinis, der sich nicht recht in die wohlig-warme Klangwelt von Thielemanns Staats ­ka ­pelle einfügen will. In der Aufnahme   von 1997, die   ebenfalls als Live-Mit ­schnitt entstand, agiert er mit deutlich runderem, vollerem Ton und klangfarblich nuancierter.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2012