Mitsuko Uchida

»Reden – das kann ich einfach so«n

Die Pianistin Mitsuko Uchida ist nicht nur eine weltweit gefeierte Mozart-Interpretin, sondern weiß auch sachkundig und unterhaltsam über Musik zu erzählen. Im Januar gibt sie ein Gesprächskonzert zu Beethovens »Diabelli-Variationen« in der Essener Philharmonie. Welche Schwierigkeiten und Chancen diese Konzertform mit sich bringt, diskutierte sie mit Mario-Felix Vogt in Berlin.

Foto: Justin Pumfrey/Decca
<i>Foto: Justin Pumfrey/Decca</i>

Als ich das Künstlerzimmer der Berliner Philharmonie betrete, übt sie gerade Kurtág. Ein Werk für Klavier und im Raum verteilte Instrumentengruppen, das sie mit den Berliner Philharmonikern ein paar Tage nach unserem Interview aufführen wird. Auch wenn sie vor allem mit Aufnahmen von Werken der Wiener Klassik berühmt geworden ist, die Musik der Moderne liegt Mitsuko Uchida ebenfalls sehr am Herzen. Die 65-jährige Japanerin gehört neben Maurizio Pollini und Pierre-Laurent Aimard zu den rar gesäten Pianisten der Weltelite, die regelmäßig Klavierwerke der Avantgarde auf ihre Konzertprogramme setzen. Zart wirkt sie, beinahe ein wenig zerbrechlich und verströmt eine künstlerisch-spirituelle Aura, die im Betrachter Metaphern wie »Hohepriesterin der Musik« hervorruft. Ihr Akzent im Deutschen ist eine charmante Mischung aus japanisch und wienerisch; dass sie viele Jahre in der österreichischen Hauptstadt gelebt und studiert hat, zeigt sich nicht nur in ihrem Klavierspiel, sondern auch in der Wortwahl. Immer wieder fallen Formulierungen wie »Geh bitte«, und Jungen und Mädchen sind für sie »Buben und Mädels«â€¦

Frau Uchida, geben Sie viele Gesprächskonzerte?

Nein. Ich mache das nicht oft, denn es wird nicht häufig gefragt. Und wenn es nicht gefragt wird, werde ich es auch nicht unbedingt anbieten, weil ich besonders vor dem Spielen nicht sprechen möchte. Das tue ich nur, wenn beispielsweise ein Druckfehler im Programm ist. In der letzten Saison stand einmal im Programm: Bach, Präludien und Fugen aus dem Band II des »Wohltemperierten Klavier«. In der Erklärung war ein Stück als vierstimmige Fuge bezeichnet. Ich habe das durchgelesen und dachte, wo findet der Autor des Textes die vierte Stimme. Da merkte ich: Um Gottes willen, das ist der falsche Band. Da musste ich vor dem Konzert dem Publikum erklären, dass im Programm ein Druckfehler ist. Dann mache ich das. Aber sonst rede ich vor Konzerten grundsätzlich nicht. Beim Gesprächskonzert in der Philharmonie Essen über die »Diabelli-Variationen« spiele ich zuerst. Dann gibt es eine Pause, und danach rede ich über den Zyklus. Mir fällt es leichter zu reden, als zu spielen. Wenn auch nur eine Person im Publikum sitzt und ich auch nur eine Note spielen muss, dann brauche ich volle Konzentration. Reden – das kann ich einfach so.

Fällt es Ihnen leicht, öffentlich aufzutreten?

Nein. Wahrscheinlich bin ich von Natur aus keine Bühnenperson. Es gibt ja Leute, die wahnsinnig gerne auf der Bühne stehen. Ich bin nicht so. Ich kann nicht einfach aufs Podium gehen und große Musik spielen. Ich bin ja in den Nachkriegsjahren aufgewachsen, und dass ein Kind in jener Zeit in Japan Klavierstunden bekam, das war schon eine Seltenheit, mein Vater hat sich das jedoch sehr gewünscht. Als er aus dem Krieg wieder nach Hause kam, fragte er meine Mutter, weshalb ich noch nicht Klavier spiele. Meine Mutter sagte darauf: Also, ich glaube, wir haben gerade Krieg gehabt. Wir hatten damals kaum etwas zu essen, müssen Sie wissen. Dann sagte er zu meiner Mutter, dass sie das jedoch sicher arrangieren werde. Und tatsächlich hat meine Mutter bald eine Klavierlehrerin gefunden, die meinen älteren Bruder und später auch mich unterrichtete. Der Traum meines Vaters war, ein Kind zu haben, das er spielen lassen konnte, wenn jemand zu Besuch kam. Wie ich das gehasst habe, wenn es mir gerade gar nicht passte, vorspielen zu müssen. Das ist immer noch ganz tief in mir drin.

Wieso haben Sie die »Diabelli-Variationen« für das Gesprächskonzert in Essen ausgesucht?

Nun, für das Recital in Essen hatte ich zunächst unabhängig vom Vortrag Schuberts G-Dur-Sonate und die »Diabelli-Variationen« in Betracht gezogen. Ich merkte allerdings schnell, dass sich die G-Dur-Sonate nicht für ein Gesprächskonzert eignet. Ich müsste dabei immer wieder abschweifen vom eigentlichen Stück, viel über Schubert allgemein sprechen und »Die Winterreise« und die »Schöne Müllerin« miteinbeziehen. Bei den »Diabelli-Variationen« hingegen kann ich mich ganz auf das Werk konzentrieren. Ich werde darüber sprechen, wie sich die 33 Variationen einteilen lassen und wie der Zyklus dramaturgisch gestaltet ist. Als ich jung war, haben viele Pianisten in Wien die »Diabelli-Variationen« gespielt. Mein Gott, das Stück dauert ja ewig, habe ich damals gedacht. Aber so ist das nicht. Wenn man verstanden hat, wie der Zyklus untergliedert ist und wie einzelne Variationen miteinander verbunden sind, dann vergeht die Zeit wie im Flug. Aber jetzt will ich gar nicht mehr so viel erzählen, denn darüber werde ich in meinem Vortrag sprechen, und die Leute sollen ja nicht alles vorher erfahren.

Gut, dann machen wir hier einen Schnitt. Planen Sie in Zukunft noch mehr Gesprächskonzerte?

Ja, es gibt weitere Anfragen, vor allem von Universitäten. In der Saison 2015/2016 werde ich drei Vorträge halten. Ich mache das viel lieber als Meisterklassen abzuhalten. Wenn ich jemanden im Rahmen einer Meisterklasse unterrichte und derjenige am selben Abend im Konzert spielen soll, mit dem Druck, gleich alles besser machen zu müssen, dann klappt das nicht. Ich möchte diese Dinge nicht forcieren, sondern mit den jungen Musikern über die Stücke diskutieren und ihnen meine Ideen mit auf den Weg geben. Anschließend können sie sich längere Zeit mit den Werken beschäftigen und nach einem Jahr wiederkommen. Dann können wir darüber sprechen, wie sich die Interpretation entwickelt hat, und was noch zu tun ist.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2014