Murray Perahia

Nahrung für die Seele

Auf Bachs Französischen Suiten lässt Murray Perahia nun Beethovens Hammerklaviersonate
folgen. Über Terzen­ketten, Literatur und das Schwinden der Bildung.
 
Von Matthias Kornemann

Foto: Harald Hoffmann / DG

Ein „zarter, manchmal sogar zur Verzärtelung neigender Meister kleiner Einzelheiten“ sei dieser Murray Perahia, schrieb Joachim Kaiser 1972 und prophezeite ihm keine Weltkarriere – er sei kein Titan, dem ein Riesenauditorium zuhöre. Der große Kritiker hatte Recht und Unrecht zugleich. Ein Titan ist er tatsächlich nicht, und dazu wird man auch nicht mehr im Laufe einer Karriere. Der 1947 in New York geborene Pianist weicht allem extrovertierten Auftrumpfen mit einer Geste souveräner Untertreibung aus, selbst wenn er sich Werken widmet, die dem Interpreten eine solche Pose abzunötigen scheinen. Gewiss, er bleibt dem „Appassionata“-Finale, den „Händel-Variationen“ oder dem ersten „Mephistowalzer“ nichts schuldig, aber ihre Ausbrüche überzieht so etwas wie ein mildernder Schleier. Entfesselte Ovationen gewann er sich damit nie. Eher ein leises Staunen darüber, was sich abseits des virtuosen Hauptpfades alles ereignen kann, in wie vielen Farbschattierungen zum Beispiel ein Werk wie die notorisch heruntergedonnerte es-Moll-Etüde Rachmaninows (Aldeburgh Recital 1990) leuchten kann. Wie er in seiner Aufnahme der Chopin-Etüden (2000) all die zerbrechliche Belcanto-Schönheit dieser oft auf das Sportive reduzierten Zyklen zum Leben erweckt, bewundert man mit jedem Wiederhören mehr.
Ganz nebenbei verriet Perahia damals auch allen, die ihn nach einer quälend langwierigen Erkrankung des Daumens schon abgeschrieben hatten, was für ein Übertechniker er ist. Die Kritik hat ihn selten dafür gepriesen, weil er seine motorischen Qualitäten selbst hier diskret zügelt. Dabei kann Perahia einen Lang Lang in der Terzen- oder der Winterwind-Etüde förmlich deklassieren. Aber ein solcher Gedanke käme ihm gewiss nicht. Das Monumentale und Motorische nimmt bei ihm einen eigentümlich privaten Tonfall an, wird milde humanisiert. Verzärtelt-detailverloren, wie Kaiser fand, war er bei allem Feinsinn eigentlich nie. Es scheint eher, er untertreibe in den Schlüsselmomenten und deute die „interessante“ harmonische Wendung oder das melodische Aufblühen nur an, statt sie auszukosten. Weder als Virtuose noch als Poet will Perahia sein Publikum überwältigen. Und doch hat ihm die Welt seit Jahrzehnten hingebungsvoll zugehört, in großen Sälen wie vor der Stereoanlage. Kaisers Prophezeiung hat sich also nicht erfüllt, und das war keine Selbstverständlichkeit.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2018