Pera-Ensemble

Orient & Okzident

In Pera, Istanbuls altem Diplomatenviertel, gingen seit jeher Menschen unterschiedlichster Nationalitäten und Religionen ein und aus. Der Dialog zwischen den Kulturen ist auch ein großes Anliegen des Musikers Mehmet Yeşilçay, der in seiner Arbeit die Musik des Orients und des Abendlandes miteinander vereint. Als er vor einigen Jahren sein eigenes Ensemble gründete, bereitete ihm die Namensfindung keine Probleme: Mit seinem Pera-Ensemble ist er seitdem als musikalischer Mittler zwischen Ost und West unterwegs. Stephan Schwarz hat mit ihm seine Heimatstadt Istanbul erkundet.

Foto: PR
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Wer Istanbul entdecken möchte, sollte Mehmet Yeşilçay an seiner Seite haben. Er kennt jede Ecke dieser Stadt, er weiß, wo es den besten Kaffee gibt, die besten Köfte, das beste Eis und die besten Gewürze. Er weiß, zu welchem Schneider man gehen muss, zu welchem Friseur, und selbst wenn man Kalligraphien herstellen lassen möchte, ist man bei Mehmet an der richtigen Adresse. Es ist Mitte Juni und drückend heiß. Vom Bosporus steigt unablässig Feuchtigkeit auf, eine dunstige Spannung liegt in der Luft, fiebrige Gewitterstimmung. Ob sie etwas mit dem Ramadan zu tun hat, der in zwei Tagen beginnt? Mehmet, der Geschäftige, lässt sich jedenfalls nicht davon abhalten, seinen Besorgungen nachzugehen. Kaum dass sein Flug aus München gelandet ist, führt ihn sein erster Weg zum Brillenmacher. „Günstiger und zuverlässiger als die Optiker in Deutschland.“ Zielstrebig durchdringt er das Gewirr der Geschäftspassagen unweit des Topkapi-Palastes. Den Laden, den er sucht, findet er schnell, und mehr noch als seine Orientierungsfähigkeit beeindrucken die Leichtigkeit und die Behändigkeit, mit der er sich durch die oft engen Gassen schlängelt. Einem Mann von seiner Körpergröße hätte man das gar nicht zugetraut.
In der Tat: Mehmet Yeşilçay, 56 Jahre alt, geboren in Istanbul und später aufgewachsen in München, ist kaum zu übersehen. Das gilt im Straßenbild ebenso wie für das berufliche Umfeld, in dem er sich bewegt. Bisher hat ihn sein Lebensweg in unterschiedlichste Richtungen geführt. Als Manager hat er gearbeitet und als Produzent, er ist Instrumentalist und Komponist und stets mit gefühlt hundert Projekten beschäftigt. Gelegenheit, seine magische Anziehungskraft an anderen Menschen auszuprobieren, hat er reichlich, Gelegenheit, still sitzen zu bleiben, kaum. In Istanbul ist er halb beruflich, halb privat. Dass er anderen dabei seine Stadt zeigen kann, macht ihm sichtlich Spaß, heißt aber auch, dass er sich die Füße dabei platt laufen wird. Istanbul ist ein Moloch, bis zu 20 Millionen Einwohner vermutet man hier, so die wildesten Schätzungen. Da hilft es, ab und an eine Pause einzulegen und einen Tee zu trinken. Ob im Großen Basar, dessen überdachte Arkaden Schutz vor aufziehenden Unwettern bieten, oder hoch droben über dem Friedhofshügel von Eyüp, wo man vom Café Pierre Loti aus einen atemberaubenden Blick aufs Goldene Horn genießt: Tee spielt im Leben der Istanbuler eine große Rolle.
„Den Tee haben uns die Engländer gebracht. Das eigentliche Nationalgetränk der Türken ist der Kaffee“, erklärt Mehmet und kommt damit auf ein klassisches Beispiel für den Austausch zwischen Ost und West zu sprechen. Es ist kein Zufall, dass ein Album, das Mehmet vor drei Jahren mit seinem Pera-Ensemble veröffentlich hat, den Namen „Café – Orient Meets Occident“ trägt. Erzählt wird eine musikalische Geschichte aus dem 17. Jahrhundert, eine Fabel mit Liedern, Arien und Tänzen aus jener Zeit, als der schwarze Trunk nach Europa kam und dort einen Siegeszug antrat, dessen Nachwehen uns noch heute allmorgendlich aus der Tasse entgegendampfen.
Kaffee als Knotenpunkt osmanischer und europäischer Tradition – ein Thema, das wie geschaffen ist für den interkulturellen Dialog, den das Pera-Ensemble mit musikalischen Mitteln anstrebt. Wie auch auf dem ECHO-prämierten Album „Baroque Oriental“ (2011) oder der CD „Trialog – Music For The One God“ von 2013: In ihrem Schaffen verfolgen die Musiker die Linien, die zwischen den Kulturen und Religionen verlaufen, und decken dabei die Wurzeln auf, aus denen sich das Miteinander der unterschiedlichen Welten speist. Hierfür hat das Pera-Ensemble eine ganz eigene Sprache gefunden, die Elemente von Barockmusik und klassisch osmanischer Hofmusik miteinander verbindet. Die Besetzung wird den jeweiligen Bedürfnissen angepasst und setzt sich aus historischen europäischen wie traditionellen türkischen Instrumenten zusammen. Mehmet, der neben der künstlerischen auch die organisatorische Leitung übernommen hat, spielt im Ensemble die arabische Kurzhalslaute Ud. Zentrale Bedeutung für die meist pasticciohaften Programme kommt darüber hinaus dem Gesang zu, den regelmäßig so namhafte Vokalisten wie Francesca Lombardi Mazzulli, Valer Sabadus oder Ahmet Özhan beisteuern. Alles trifft sich in phantasievollen Arrangements, in denen reizvolle Kontraste entstehen, oft aber auch scheinbar Gegensätzliches auf verblüffende Weise miteinander verschmilzt. Das ist der Geist von Pera.

Mit ihrem Projekt „Trialog – Music For The One God“ trat das Pera-Ensemble auch in der Kirche Hagia Eirene in Istanbul auf. Foto: PR
Mit ihrem Projekt „Trialog – Music For The One God“ trat das Pera-Ensemble auch in der Kirche Hagia Eirene in Istanbul auf. Foto: PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2015