Piotr Anderszewski

„Routine ist das Schlimmste überhaupt“

Ein neues Album von Piotr Anderszewski ist ein eher seltenes Ereignis. Vor kurzem war es wieder so weit: Erneut widmet sich der Wahl-Pariser zwei Klavierkonzerten von Mozart.

Von Matthias Kornemann

Foto: Ari Rossner / Warner Classic

Piotr Anderszewski, das sei doch der Pianist, der in seinem Zug lebe und damit kreuz und quer durch Europa reise, erzählte mir vor Jahren ein Kollege. Ich fand das einigermaßen exzentrisch, glaubte es aber sofort. Eine Aura des Ungreifbaren umgibt den mittlerweile 48-Jährigen, dessen Klavierkunst es den Hörern nicht leicht macht, kann man sie doch kaum in ein bestimmtes „Fach“ einordnen. Aller virtuosen Schaustellung geht er scheu aus dem Wege, sein schmales Repertoire kennt kein einziges Bravourstück. Auch die Reihe seiner Aufnahmen ist kurz, da sind Suiten Bachs, ein paar Mozart-Konzerte, ein wenig später Beethoven, zwei Schumann-Programme, etwas Chopin und Szymanowski. Aber was sind schon Quantitäten? Für jede dieser Erlesenheiten gäbe man fast alles in jüngerer Zeit Produzierte hin, so inspiriert und verfeinert ist dieses Spiel, das keinen leeren, unerfüllten Takt kennt. Dass ein so rätselhaft Inspirierter in einem Zug lebt und wie ein glücklicher Strelnikow Europa durchzieht, glaubt man da gern. Aber natürlich war das alles nur ein Kunstmittel des legendären Musikfilmers Bruno Monsaingeon, der 2008 für ARTE ein wunderbar versponnenes und sehr aufwendiges Porträt des Pianisten produzierte, dessen roter Faden eine fiktive Tournee in einem gemieteten nostalgischen Eisenbahnwaggon ist. Man sieht Anderszewski darin üben, trinken und sogar kochen, während er durch herzzerreißend triste Spätwinterlandschaften Osteuropas rattert und nebenbei eine Menge kluger und auch lustiger Dinge über die Musik und das Leben erzählt. Hört man ihm zu, bräuchte es dieses starke visuelle Symbol der Unbehaustheit gar nicht.

Für das Kind polnisch-ungarischer Eltern in Warschau, von der Großmutter in Budapest aufgezogen, ausgebildet in Frankreich und Kalifornien, verlief das Leben von Anfang an in kosmopolitischen Bahnen. Wohnungen besitzt er in Lissabon und Paris. Er brauche einfach eine schöne Umgebung, entgegnet er auf meine vielleicht etwas naive Frage, ob so viel Städteschönheit auf Dauer nicht ermüde. Sein Pariser Domizil in einem historischen Palais des Quartiers Saint-Germain, nur vier Hausnummern von der Seine entfernt, ist eine fast elfenbeintürmerische und karg eingerichtete Klause, dem städtischen Gewimmel seltsam entrückt. Niemand beschwere sich über sein Klavierspiel, freut er sich. Ein kleines Reihenhaus in London habe er auch noch, aber da höre die ganze Straße sein Üben, was nicht nur die Straße, sondern auch ihn störe …

Nach über zehn Jahren ist Anderszewski wieder einmal zu den Klavierkonzerten Mozarts zurückgekehrt und hat mit dem Chamber Orchestra of Europe das große C-Dur-Konzert (KV 503) und das letzte in B-Dur (KV 595) eingespielt. Kein Komponist scheint ihn so zu beschäftigen wie Mozart, keiner gebe ihm so viele Rätsel auf, sagt Anderszewski. Um ihn besser zu verstehen, blickt er immer wieder auf Beethoven, den menschlich Greifbareren seiner musikalischen Hausgötter.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2018