Piotr Anderszewski im Porträt

„Den Ozean auf einen Swimmingpool reduzieren“

Seit vielen Jahren gibt der Pianist Piotr Anderszewski Konzerte in aller Welt. Doch 2011 zog er die Notbremse, entzog sich dem „Hamsterrad des Konzertalltags“ und legte eine 14-monatige Pause ein. Nun meldet er sich mit einem Bach-Album zurück. Mario-Felix Vogt sprach mit dem Künstler in Berlin über seine Auszeit und porträtiert ihn als Interpreten.

Foto: Ari Rossner/Warner
Foto: Ari Rossner/Warner

Nach den „Diabelli-Variationen“ stand der Pianist einfach auf und verließ die Bühne. Er hieß Piotr Anderszewski, war 21 Jahre alt und kam aus Polen. Was hier ein vorzeitiges Ende fand, war allerdings kein Solorecital in einer x-beliebigen Provinzstadt, sondern das Halbfinale des hochangesehenen Klavierwettbewerbs im englischen Leeds. Anderszewski galt als Top-Favorit, war jedoch mit seinem Spiel so unzufrieden, dass er glaubte, dafür keinen Preis zu verdienen. Davon abgesehen hatte er auch keine Lust mehr auf den ganzen Wettbewerbszirkus, in dem die meisten nur darauf fixiert waren, auf Biegen und Brechen einen Preis zu gewinnen. „Alle Teilnehmer, die ich beim Leeds-Wettbewerb traf, hatten sich zum Ziel gesetzt, den Wettbewerb zu gewinnen“, erklärt er, „ich jedoch absolut nicht. Ich wollte einfach nur so gut wie nur irgend möglich spielen und fühlte mich all den Kollegen gegenüber schuldig, die sich so verzweifelt um den Sieg bemüht haben, und es doch nicht weit geschafft haben.“ Ähnlich wie sein Pianistenkollege Ivo Pogorelich, der 1980 vorzeitig im Warschauer Chopin-Wettbewerb ausschied, war Anderszewski nicht auf den Preis angewiesen, um seine internationale Karriere zu starten. 1991 gab er sein Debüt in der Londoner Wigmore Hall, in den Folgejahren eroberte er Stück für Stück die Konzertsäle der Welt. Nach wie vor überkommt den überaus selbstkritischen Künstler jedoch bei Recitals bisweilen das Gefühl, dass er bestimmten Stücken nicht gerecht geworden ist. Nun verlässt er allerdings nicht mehr das Podium, sondern spielt einfach eine ganze Bach-Partita noch einmal als Zugabe, um sich zu verbessern. So geschehen 2007 bei einem Klavierabend in London.

Geboren wurde Piotr Anderszewski am 4. April 1969 in Warschau. Sein Vater ist Pole, die Mutter ungarisch-jüdischer Abstammung, außerdem gibt es noch eine Schwester Dorota, die später als Geigerin Karriere machen wird. Die früheste Erinnerung, die er an Musik hat, sind Aufnahmen von Beethovens fünftem Klavierkonzert und Mozarts „Kleiner Nachtmusik“, die seine Eltern regelmäßig auflegten. Die waren zwar keine professionellen Musiker, aber passionierte Musikliebhaber und förderten das musikalische Talent ihrer Kinder. Mit sechs Jahren erhielt Piotr Anderszewski seinen ersten Klavierunterricht. „Im Vergleich zu heute also ziemlich spät, wenn man bedenkt, dass manche chinesischen und koreanischen Kinder schon mit zwei Jahren vors Klavier gesetzt werden.“ (lacht) Dann unterbrach er den Unterricht für ein Jahr, da die Familie nach Lyon umzog. Als Kind hatte Anderszewski noch nicht die Idee, Klaviersolist zu werden, sein Traumberuf war damals ein anderer: „Arzt wollte ich werden, genauer gesagt Chirurg. Denn es hat mich damals wahnsinnig interessiert, wie die Organe im menschlichen Körper funktionieren“, erklärt er seinen für Kinder eher untypischen Berufswunsch. „Doch dann hat die Musik immer mehr Raum in meinem Leben eingenommen. Schließlich bin ich Konzertpianist geworden, ohne das vorher zu planen.“

Anderszewski studierte an den Konservatorien von Straßburg, Lyon, Warschau und an der University of South California in Los Angeles und holte sich musikalischen Rat von Pianistengrößen wie Fou Ts’ong, Leon Fleisher und Murray Perahia. Auf die Frage, welcher Lehrer für ihn am wichtigsten war, weiß er jedoch keine Antwort: „Letztendlich bin ich wahrscheinlich ein Autodidakt“, meint er. Dennoch gibt es Musikerpersönlichkeiten, deren Ideen bei ihm einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben, etwa der Dresdner Pianist Amadeus Webersinke. „Er kam zu uns an die Chopin-Akademie nach Warschau, um einen Kurs zur Bach- und Beethoven-Interpretation zu geben“, erzählt Anderszewski. „Ich war damals gerade einmal 19 Jahre alt und arbeitete an Beethovens ,Diabelli-Variationen‘. Ich habe ihm den Zyklus vorgespielt und war tief beeindruckt von seinen musikalischen Anregungen. Er verfügte über ein enormes musikalisches Wissen und war zudem ein sehr liebenswürdiger Mensch.“ In den Jahren danach fuhr Anderszewski mehrfach zu ihm zum Unterricht nach Dresden, was mit einigen Komplikationen verbunden war. Denn auch wenn die DDR damals schon in den letzten Zügen lag, sie existierte noch. „An die notwendigen Visa-Dokumente zu kommen, war ein Alptraum“, erinnert sich Anderszewski.

Eine zweite Pädagogen-Persönlichkeit, die ihm neue Wege in der Musik eröffnet hat, war die frankoschweizerische Pianistin Hélène Boschi, die noch von Yvonne Lefébure und dem legendären Alfred Cortot ausgebildet wurde. „Sie war ein schwieriger Mensch“, erklärt Anderszewski, „aber jetzt, viele Jahre nach meinem Unterricht bei ihr, wird mir bewusst, wie wichtig sie für meine musikalische Entwicklung war. So hat sie mich beispielsweise an die Musik von Schumann herangeführt, einen Komponisten, der damals für mich eigentlich nicht existent war. Seine Musik liebte sie besonders, aber auch Mozart und Debussy. Sie hat mich mit ihrer Liebe zu diesen Komponisten gewissermaßen kontaminiert, indem sie mir deren Werke ganz wunderbar vorgespielt hat.“

Später setzte er sein Studium in Polen fort. Dort gibt es ein Phänomen, das ihn bis heute außerordentlich nervt: die totale Fokussierung des Musiklebens auf Chopin. „Es ist wirklich ein großes Problem, denn er ist natürlich ein bedeutender Komponist. Doch letztlich kann es nur Schaden anrichten, wenn immerzu in diesen simplen Schubladen gedacht wird: Sie sind Pole, Sie sind Pianist, dann sind Sie also ein Chopin-Spieler.“ Selbstverständlich wird von den großen polnischen Klaviertalenten auch erwartet, dass sie am Chopin-Wettbewerb in Warschau teilnehmen. „Ich habe im Alter von 18/19 Jahren ebenfalls gedacht, dies tun zu müssen“, erzählt Anderszewski, „und habe wie ein Verrückter Chopin geübt.“

Zurzeit lebt Piotr Anderszewski in Lissabon. Er liebt die Unberührtheit und das einfache Leben dort. Foto: Manuel Menal/Wikipedia
Zurzeit lebt Piotr Anderszewski in Lissabon. Er liebt die Unberührtheit und das einfache Leben dort. Foto: Manuel Menal/Wikipedia

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2015