Robin Ticciati

Morgen werde ich wieder nervös sein

Ein Jahr bevor Simon Rattle die Berliner Philharmoniker verlässt, kommt der Mann nach Berlin, in dem viele den „nächsten Rattle“ sehen. 2017 übernimmt der Engländer Robin Ticciati die Leitung des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin. In den kommenden Wochen ist er mehrfach in Deutschland zu erleben. Von Arnt Cobbers

Foto: Marco Borggreve
Foto: Marco Borggreve

Nicht nur Orchestermusiker weltweit schwärmen von der Arbeit mit Robin Ticciati. Bei seiner öffentlichen Vertragsunterzeichnung im November 2015 in Berlin nahm der 32-jährige Engländer mit seiner Mischung aus visionärem Enthusiasmus, jungenhaftem Charme und gebrochenem Deutsch auch die versammelte Presse im Sturm für sich ein. Und im anschließenden Interview wirkte Ticciati zugleich professionell und herzlich-zugewandt.

Mr. Ticciati, worin liegt der Reiz, Chefdirigent eines Orchesters zu sein?
Es sind zwei Dinge für mich: Zum einen baut man eine Beziehung zum Orchester auf, dass die Musiker einen so gut kennen, dass sie einem direkt in die Seele sehen und die kleinste Geste verstehen. Das geht manchmal auch als Gastdirigent, wenn man lange zusammenarbeitet, aber als Chefdirigent reicht dieses Verständnis viel tiefer. Und das zweite ist die Verantwortung, die man als Chefdirigent übernimmt. Wie viel kann man als Gast in einer Woche ändern, wie viel kann man verlangen, wie tief kommt man wirklich in das Orchester-System hinein, dass die Musiker wirklich so spielen, wie man das möchte? Genau deshalb wollen die Orchester einen Chefdirigenten haben: Sie wünschen sich jemanden, der wirklich intensiv mit ihnen arbeitet.

Jeder Chefdirigent denkt nach einigen Jahren, nun ist das Orchester in einem perfekten Zustand. Und dann kommt der nächste Chefdirigent und macht alles anders.
Ich glaube, Musiker suchen immer nach dem nächsten Impuls, sie wollen irgendwann wieder in eine andere Richtung gehen. Vielleicht ist da solch ein Gefühl, wir kennen diesen Weg, wir mögen diesen Weg, aber wir haben uns vielleicht zu sehr an diesen Weg gewöhnt. Wir spielen gut, aber wir wollen jemanden, der uns einen anderen Weg zeigt.
 
Aber ist es für Sie nicht frustrierend, dass Ihnen 2017, nach dann neun Jahren beim Scottish Chamber Orchestra, ein neuer Chefdirigent folgt, der vermutlich alles anders macht?
Wenn ich nicht denken würde, es wäre gut weiterzuziehen, würde ich es nicht tun. Ein Teil von mir muss denken, es ist in Ordnung, wenn jemand Neues kommt und alles anders macht.

Wenn Sie zu einem Orchester kommen und ein neues Programm erarbeiten: Wie klar sind Ihre Vorstellungen, wie es klingen soll, und wie groß ist der Einfluss der Musiker?
Ich habe vor kurzem Schumann in Philadelphia gemacht. Den habe ich mit dem Scottish Chamber Orchestra aufgenommen. Aber man geht nicht nach Philadelphia und versucht, das Orchester wie ein anderes Orchester klingen zu lassen. Wichtig sind mir aber einige Prinzipien, wie Musik meiner Meinung nach funktioniert, wenn es um bestimmte Stile geht, frühe Klassik, späte Klassik, Romantik und noch weiter. Die Idee der Tonalität zieht sich ja weiter in die Moderne und in die Neue Musik, ich bin mir nicht sicher, ob es uns jemals gelingen wird, dem zu entkommen, so sehr es Schönberg und Boulez auch versucht haben. Wenn ich zu einem Orchester komme, ist mir die Sprache eines Komponisten in der Art, wie ich sie verstehe, wichtig. Aber natürlich bleiben der individuelle Charakter des Orchesters und die Seele jedes einzelnen Spielers. Ich öffne meine Arme und sage: Spielt, singt, singt so, wie Ihr es wollt.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2016