Sol Gabetta

„Finden Sie mich naiv?"

Seine Musik liegt ihr besonders am Herzen. Jetzt landet Sol Gabetta mit Musik von Péteris Vasks einen Karriere-Coup für die baltische Musik. Kai Luehrs-Kaiser hat mit beiden gesprochen, der Cellistin und dem Komponisten.

Foto: Sony/Marco Borggreve
Foto: Sony/Marco Borggreve

Ein ganzes Album mit Musik des lettischen Esoterikers Péteris Vasks: Das muss ihr erst einmal jemand nachmachen. Und durchsetzen. Sol Gabetta, bekannt durch Vivaldi und Elgar, nutzt Ruhm und Macht dazu, um einem der knorrigsten, knotigsten Abseitigen der europäischen Komponistenszene zu huldigen. „Die ganz fetten Schinken sind nicht so mein Ding“, präzisiert sie ihr Repertoireprofil. „Sie singt so schön!“, sagt derweil Péteris Vasks zum Lobe seiner Solistin. Sie hat ihn immerhin dazu überredet, ein Cellokonzert eigens für sie zu komponieren.

Es ist sein zweites. Misst man die Seltenheit, mit der heutige Komponisten Solokonzerte schreiben an dem Fall, so kann man daran den Gang der Zeiten mühelos ablesen. „Rostropowitsch hat gern vier Cellokonzerte an einem Abend aufgeführt – davon zwei neue“, schwärmt Sol Gabetta; um zugleich einzuräumen: „Da kommt heute keiner mehr ran.“ Warum eigentlich? Komponisten von E-Musik gehören schließlich zu den bestalimentierten Künstlern auf der Welt.

Spricht man mit den Top-Angesagten der Gegenwart, zum Beispiel mit Jörg Widmann oder Matthias Pintscher, kann man sich angesichts des Frischwärts-Optimismus dieser Männer des Verdachts nicht erwehren: Sie haben es gar nicht nötig, mit Virtuosenkost dem Publikum auf halber Strecke entgegenzukommen. Orchester und Opernhäuser, mit weit mehr Geld im Hintergrund, stehen ohnehin Schlange. Dem subjektiven Begehren werksuchender Violinisten, Cellisten oder gar Blechbläser braucht man da kaum nachzugeben.

Dabei sorgen, siehe Gabetta, diese Solisten immerhin dafür, dass neue Werke nicht nur kurz mal uraufgeführt werden, um dann wieder in der Versenkung zu verschwinden. Sondern dass sie im Gang der Tourneen sukzessive um die Welt geführt werden. „Ganz klar: Ich drohe“, so Gabetta auf die Frage, wie sie es anstelle, neue Werke bei Veranstaltern durchzusetzen. „Ich sage, ich komme sonst nicht.“ Natürlich klappt das nur an Orten, wo sie sich schon einen Ruf erworben hat.

Die heute 34-jährige Argentinierin, superkommunikativ und sinnlich offensiv, gehört zur erfolgreichen „Mittelschicht“ heutiger Superstars. Keine mythische Übergröße wie Yo-Yo Ma oder Martha Argerich. Aber auch kein Leichtgewicht wie der schlecht beratene Martin Stadtfeld oder rasch Rückabgewickelte wie Benyamin Nuss. Der Markt bietet – auf der Basis eines immer noch florierenden Konzertbetriebs – Platz für alle: Künstler, die auf Platte weit besser sind als live (Anna Prohaska), und solche, die live wesentlich besser klingen als vorm Mikrofon (Anja Harteros, Nina Stemme). Senkrechtstarter (Daniil Trifonov) und Spätentwickler (Jonas Kaufmann). Kritikergeschöpfe (Igor Levit) und Kritikergeschröpfte (David Garrett). Sie leben alle gut.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2015