Sol Gabetta

Vivaldi und der Cello-Graf

Auf ihrem Album »Il Progetto Vivaldi 2« beschäftigt sich Cellistin Sol Gabetta nicht nur mit Werken des venezianischen Barockmeisters, sondern auch mit dessen Zeitgenossen. Live zu hören sind diese unter anderem bei ihrer Residenz an der Essener Philharmonie. Stephan Schwarz hat mit ihr gesprochen

(Foto: Uwe Arens/Sony)
<i>(Foto: Uwe Arens/Sony)</i>

Das »Vivaldi-Projekt« meinte Sol Gabetta eigentlich schon erfolgreich abgeschlossen zu haben. Der erste Ausflug der argentinischen Cellistin in die Welt der Darm ­sai ­ten und Barockbögen hatte bei Veröffent ­li ­chung des Albums »Il Progetto Vivaldi« 2007 großen Anklang beim Publikum gefunden und nicht unerheblich dazu bei ­getragen, den immer noch hell leuch ­tenden Glanz ihrer Popularität aufschei ­nen zu lassen. Doch nicht nur in rampenlichttechnischer Hinsicht, sondern auch künstlerisch hat Sol Gabetta von diesem Projekt profitiert. Ihre Spiel ­wei ­se, sagt die Künstlerin, ihr gesamtes Stil ­empfinden habe sich seit ihrer intensiven Begegnung mit Vivaldi weiterentwickelt. Wenn sie heute mit historisch informierten Kollegen musiziere, sagt sie, die ursprünglich im klassisch-romantischen Repertoire von Haydn bis Elgar zu Hause ist, tue sie dies auf historisch informierter Augenhöhe – auch wenn es ihr zu Anfangs nicht leichtgefallen sei, sich auf die spieltechnischen Gege ­ben ­heiten von Anno dunnemals ein ­zustellen. »Man fängt bei null an«, sagt sie. Mitt ­lerweile hat sie sich das barocke Reper ­toire erschlossen und dabei einen Ent ­deckungsdrang entwickelt, mit dem sie auch weniger prominenten Ver ­tre ­tern der Komponistenzunft zu ihrem Recht verholfen hat. Einer von ihnen ist der Wiener-Klassik-Vertreter Leopold Hof ­mann, dessen Cellokonzert in D-Dur auf einer 2010 veröffentlichten CD mit dem Kammerorchester Basel neben Wer ­ken seiner Zeitgenossen Haydn und Mo ­zart gar keine schlechte Figur macht. Eine Entwicklung, die ohne das »Pro ­getto Vi ­valdi« vielleicht gar nicht stattgefunden hätte.

Aber hatte Sol Gabetta schon bei ihrer ersten Vivaldi-Aufnahme den Plan, mit dessen Cellokonzerten in Serie zu gehen? »Nein«, sagt sie, »ganz und gar nicht.« Und nun ist es doch geschehen: »Il Progetto Vivaldi 2« ist auf dem Markt, Sol Gabettas zweite Reise durch den Kosmos Vivaldi. Anders als beim ersten Album, auf dem der venezianische Kom ­ponist noch ganz allein im Zentrum steht, hat die Cellistin nun drei seiner Konzerte (und eine bearbeitete Sonate) mit Wer ­ken zeitgenössischer Kollegen kombiniert: je ein Konzert von Leo ­nar ­do Leo und Gio ­vanni Benedetto Platti – drei Stimmen also, mit deren Hilfe Sol Gabetta die musikalische Epoche des frühen 18. Jahrhun ­derts ein wenig näher beleuchten möchte. Mainstreamig ist ihre Programmaus ­wahl keineswegs, handelt es sich bei der Aufnahme von Plattis d-Moll-Konzert doch um eine Erstein ­spie ­lung. Überhaupt dürfte sie die Erste sein, die sich seit langer Zeit mit diesem Stück nä ­her befasst hat, schlummerte es doch annähernd 300 Jahre lang seelenruhig an seinem Aufbewahrungsort, dem idyllischen Grafenschloss Wiesentheid in der Nähe von Würzburg, vor sich hin. Sol Ga ­betta hat es wach geküsst und ist dabei in die Fußstapfen eines adeligen Mu ­sik ­liebhabers vergangener Zeiten getreten.

Wie der Cello-Graf zu seinem Spitz ­na ­men kam, kann man sich vorstellen: Mu ­sikbegeistert wie alle aus seiner Familie, pflegte Rudolf Franz Erwein von Schön ­born (1677 bis 1754) in seiner Residenz Schloss Wiesentheid nicht nur das häusliche Musizieren, sondern auch eine um ­fangreiche Notenbibliothek, in der er kostbare Drucke sammelte, aber auch Handschriftenkopien und Manuskrip ­te. Einen besonderen Schwerpunkt legte er dabei auf Werke für Violoncello, ein Instru ­ment, das er selbst virtuos zu spielen vermochte. Umso praktischer für ihn, dass er als Bruder des Würzburger Fürst ­bi ­schofs Johann Philipp Franz von Schönborn direkt an der Quelle saß und kostengünstig auf die Werke von dessen italienischem Hofkomponisten Gio-van ­ni Benedetto Platti zurückgreifen konnte, der vermut ­ ­lich einige der heute noch immer archivierten Werke eigens für den Bru ­der seines Dienstherren ge ­schrieben hat. Platti war 1722 an den Würzburger Hof gekommen, an dem Johann Philipp Franz in absolutistischer Manier gerade damit beschäftigt war, es an Pracht ­ent ­faltung mit sämtlichen bedeutenden Po ­tentaten Europas aufzunehmen und das vergleichsweise beschauliche und bedeutungslose Hochstift in ein kulturell und architektonisch führendes Zen ­trum zu verwandeln. Nicht gerade zur besonderen Freude seiner Untertanen, die im Ge ­gen ­satz zu heutigen Touris ­musver ­bänden den 1719 in Auftrag gegebenen Bau der neuen Residenz wenig guthießen, wurde er doch im Wesent ­lichen durch für diesen Anlass saftig erhöhte Steuerzahlun ­gen finanziert. Der Hofka ­pellmeister des Fürstbischofs hingegen konnte sich nicht beklagen über die verschwenderische Kulturförde ­rung, sicherte sie ihm doch ein nicht unbeträchtliches Jah ­resgehalt von 600 Gulden.

Was der Komponist und Oboist für sein Geld ablieferte, überzeugte nicht nur seinen Brötchengeber und dessen Bru ­der, sondern auch Sol Gabet ­ta, deren Entdeckerfreude sie nicht nur zu historisch korrektem Stimmungs ­sys ­tem und barocken Bogentechniken geführt hat, sondern auch ins Archiv des Cello-Grafen. Eine Art Zufall hatte ihr den Weg dorthin gebahnt, nachdem sie von dem befreundeten Dramaturgen Hans-Georg Hofmann auf die Kompo ­sitionen Plattis aufmerksam gemacht worden war. Ein nicht unbeträchtlicher Teil davon lagert in Schloss Wiesentheid und wird dort von der Mutter des So ­lo ­cellisten des Baseler Kammeror ­ches ­ters gehütet, für das Hofmann das künstlerische Management übernommen hat. So öffneten sich die Türen für die Star ­cel ­lis ­tin wie von alleine, und sie hatte zwei Tage lang Gelegenheit, einzutauchen in eine längst vergessene Welt barocker Mu ­ ­sikschätze. 13 Konzerte begutachtete die Künstlerin, die sie sich vorher aus dem nur schwer zu entziffernden Ma ­nuskript ins Reine schreiben ließ.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe November 2011