Thomas Quasthoff

»Ich gehe ohne Bitterkeit«

Nachdem der Rummel um seinen Bühnenabschied etwas abgeklungen ist, nahm sich Bassbariton Thomas Quasthoff die Zeit, um mit FONO FORUM ausführlich über die Gründe für seinen Rücktritt zu sprechen. Björn Woll traf in Berlin auf einen gut gelaunten und sichtlich entspannten (Ex-)Sänger.

(Foto: Harald Hoffmann/DG)
<i>(Foto: Harald Hoffmann/DG)</i>

Herr Quasthoff, Anfang Ja ­nuar haben Sie für viele über ­raschend Ihren Rücktritt von der Bühne bekannt gegeben, was ein großes Medienecho hervorgerufen hat. Wie haben Sie diesen Rummel um Ihre Person erlebt?

Es hat mich schon ein bisschen erschreckt, denn ich finde, es gehört eigentlich zum Leben eines jeden Sängers, dass er für sich herausfinden muss: Wie lange will ich das machen, wie lange geht das, wie lange kann ich auf diesem Niveau singen? Dass daraus so ein Rum ­mel entsteht, war mir nicht bewusst. Auf der anderen Seite hat es mich aber auch gefreut, dass die Leute nicht gesagt haben: »Gott sei Dank ist er weg!«, sondern »Schade, dass er aufhört!«.

Haben Sie Ihre Entscheidung in den letzten Wochen in dem ein oder anderen Moment auch mal bereut?

Keine Sekunde! Vor allem, weil ich nicht in ein Loch falle: Ich habe meine Lehrtätigkeit, veranstalte Meisterkurse und Lesungen... Es entsteht also keine Lücke in meinem Leben, sondern ich gewinne Zeit dazu, die ich nutze, um meine Familie öfter zu sehen, nicht mehr so viel zu reisen, was gerade mit meiner Behinderung besonders beschwerlich ist, oder in Berlin die Kul ­turszene zu nutzen, indem ich viel mehr ins Theater und Kino gehe. Ich war in den letzen vier Wochen so oft im Kino wie in meinem ganzen Leben noch nicht. Das sind alles Dinge, die mir sehr gefehlt haben.

Gibt es dennoch etwas, was Sie an Ihrem Beruf vermissen?

Sicherlich den Kontakt und den Um ­gang mit dem Publikum. Aber ich hatte nie diese Bühnensucht. Alles andere, der Stress, das Reisen, der Druck, das wird mir nicht fehlen – ganz im Gegenteil!

Wann haben Sie begonnen, darüber nachzudenken, den Beruf an den Nagel zu hängen? Und wann hat es letztendlich klick gemacht?

Vor anderthalb Jahren hatte ich eine sehr schwere Phase. Damals ist mein Bruder an Krebs erkrankt und auch da-ran gestorben. Das war sicherlich ein großer Einschnitt, weil wir sehr viel gemeinsam gemacht haben. Nach dem Tod meines Bruders bin ich an einer schweren Kehlkopf- und Stimmband ­entzündung erkrankt, ohne dass ich irgendwie gesungen hätte, es kam wirklich über Nacht. – Ich nehme an, es war eine Reaktion des Körpers auf den Stress und die Trauer. – Und das wollte danach nicht wieder so in Gang kommen, wie ich es mir gewünscht hätte. Ich habe ein halbes Jahr komplett ausgesetzt, das hatte ich noch nie in meinem Leben. In dieser Zeit habe ich mir überlegt: Wenn ich nicht wirklich auf erster Stufe wieder  einsteigen kann, also da, wo ich war, bevor ich krank wurde, dann höre ich auf. Und es war so: Ich kann zwar wieder singen, aber ich habe nicht mehr die Kon ­t ­rolle, die ich vorher hatte, und dann war der letzte Schritt nicht so schwer.

Obwohl die Entscheidung reiflich überlegt war, wollten Sie keine Abschieds ­vorstellung. Warum kein letztes Adieu an Ihr Publikum?

Überlegen Sie mal, was ich da wieder hätte reisen müssen. Ich hätte nach Ja ­pan gemusst, ich hätte nach Amerika gemusst... Das ist auch nicht meine Art, ich wollte keinen lauten, für jeden sichtbaren Abschied, sondern still und leise.

Wer war der erste Mensch, dem Sie sich an ­vertraut hatten, nachdem der Ent ­schluss für Sie feststand?

Meine Frau. Das ist natürlich der Mensch, zu dem ich am meisten Ver ­trauen habe und mit dem ich so was natürlich auch teile. Dann habe ich mit meinem Vater drüber gesprochen und mit ein paar engen Freunden.

Wie waren die Reaktionen?

Ganz positiv. Sogar große Sängerin ­nen und Sänger, die immer noch im Be ­ruf stehen, haben gesagt: Ich beneide dich um diese Entscheidung. Denn die denken im Grunde alle ganz ähnlich: Diese Reiserei nervt! Schauen Sie, früher, als Christa Ludwig so um die 30 war, wenn die in Amerika gesungen haben, dann haben die sich aufs Schiff gesetzt und sind da schön hingeschippert. Das heißt, die hatten kein Jetlag. Wenn Sie heute nach Amerika fliegen, haben Sie ein Jetlag zu ertragen. Das muss ein Kör ­per erst mal schaffen.

Gab es auch negative Re ­aktionen?

Irgendwelche Menschen gibt‘s ja immer, die sagen: Gott sei Dank, endlich ist er weg, der immer meckert und seine Meinung kundtut. Das ist mir aber egal, denn in dem Moment, in dem ich meine Meinung sage, gehe ich das Risiko ein, dass ich damit auf Gegen ­meinungen treffe. Das ist doch vollkommen in Ordnung. Und irgendwann wäre dieser Schritt sowieso gekommen. Es ist ja nicht so, dass ich den Rücktritt 20 Jahre vorverlegt habe, das ist doch Blöd ­sinn. Ich habe immer gesagt, mit 60 ist Schluss. Bis dahin sind es jetzt noch sieben Jahre, und in diesen sieben Jahren schreitet auch das Äl ­ter ­werden voran. Ob ich mit 60 dann noch so gut gewesen wäre, wie ich es vielleicht jetzt noch bin, das bezweifle ich sehr stark. Dann höre ich lieber zu einem Zeitpunkt auf, an dem ich weiß: Ich kann es noch. Dann kam im vorigen Jahr noch die wunderbare halbszenische »Matthäus-Passion« mit Peter Sellars als Regisseur hinzu – das war ein Lebens ­höhepunkt. Da kam für mich schon die Frage auf: Was soll danach noch kommen? Man kann diesen Schritt also viel leichter gehen, wenn man niemandem mehr etwas beweisen muss. Und ich habe als Sänger eigentlich alles erreicht, was man in diesem Beruf erreichen kann.

Sie haben stets betont, dass Sie ohne Bitterkeit Abschied nehmen. Gibt es im Beruf des modernen Sän ­gers von heute dennoch Schatten ­seiten, die Sie bemängeln ­würden?

Schlechte Lehrer, verkürzte Ausbil ­dungs ­zeiten, es gibt kaum noch Zeit für junge Sänger, sich in Ruhe auszuprobieren. Die kleinen Theater werden – ich glaube, das ist eine Entwicklung, die noch lange nicht am Ende ist – auf Dauer wohl geschlossen. Heute nennt man das neumodisch, dass zwei Häuser fusionieren, was letztendlich aber bedeutet, dass eins geschlossen wird. Aber es ist vor allem dieses »nicht mehr Zeit haben«, das geht ja wirklich in alle Bereiche. Ich bin seit 1999 bei der Deutschen Grammo ­phon gewesen; bis 2012 habe ich elf unterschiedliche Produzenten gehabt. Da kann einfach keine kontinuierliche Ar ­beit entstehen. Da sitzen leider sehr oft Leute in Füh ­rungs ­positionen, die vom Tuten und Bla ­sen keine Ahnung haben, die Wirtschafts ­manager sind, und das sehr gute – überhaupt keine Frage. De ­nen geht es aber nicht mehr um Musik, und denen geht es schon gar nicht mehr um das langjährige Fördern eines Tal ­entes.

Haben diese negativen Seiten des Be ­ru ­fes eine Rolle bei Ihrer Rücktritts ­ent ­scheidung gespielt?

Ich sage Ihnen jetzt einmal ganz ehrlich: Auf dem Level, auf dem ich singen durfte, ist der Druck sehr hoch. Und jetzt sage ich auch etwas gegen Ihre Zunft: Im Ausland hat man einen größeren Respekt vor dem Geleisteten, als man das in Deutschland hat. Wenn man sich hier eine gewisse Reputation als Sänger ersungen hat, dann neigt die deutsche Presse sehr schnell dazu, draufzuhauen und eine gewisse Häme zu entwickeln. Auch das war ein Grund für meine Entschei ­dung, denn ich wollte mir diese Häme ersparen. Denn sie haben natürlich als Mensch, der seit 52 Jahren mit einer Schwerst ­behinderung lebt, sicherlich ein dickeres Fell bekommen, aber trotzdem ist man unter dem Fell sehr empfindsam und sensibel. Das ist bei mir nicht anders.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2012