Vilde Frang

Gefährlicher Sternenstaub

Ihre Karriere entwickelt sich prächtig, es läuft gut für Vilde Frang. Gerade ist bei der EMI eine neue CD der Norwegerin mit den Violinkonzerten von Tschaikowsky und Nielsen erschienen. Norbert Hornig traf in München auf eine ernsthafte und selbstbestimmte Künstlerin, die sich durch nichts von ihrem Fokus auf die Musik ablenken lässt.

Vilde Frang (Foto: Marco Borggreve/EMI)
<i>Vilde Frang (Foto: Marco Borggreve/EMI)</i>

Frau Frang, Ihr Debüt mit Mariss Jan ­sons und dem Philhar ­mo ­ni ­schen Orchester Oslo 1998 war wirk ­lich ein gelungener Start, Sie haben Ihre Chance genutzt.

Die Geige gehörte zwar immer zu mei ­nem Leben, aber nach diesem Kon ­zert wurde alles noch viel intensiver. Man wurde auf mich aufmerksam, auch im Ausland. Ich bekam ein Manage ­ment und verstand plötzlich, was es heißt, Teil des Musikbetriebes zu sein. Als ich mit Mariss Jansons spielte, dachte ich nicht über das Prestige oder die Perspektive nach, die mit einem solchen Auftritt verbunden waren. Ich habe es einfach genossen, wurde dann sehr zielorientiert und wollte in Deutschland studieren.

Gab es jemanden, der auf Sie aufgepasst hat, dass nicht zu früh zu viel Druck auf ­gebaut wird?

Schon als Kind  habe ich zu vielem Nein gesagt. Ich wollte nie zulassen, dass jemand zu viel Einfluss auf mich hatte. Ich war wohl eine ziemlich miserable Schülerin. Aber meine Lehrer waren wun ­derbar und völlig unterschiedlich. In Deutsch ­land waren es Ana Chu ­ma ­chen ­co und Kolja Blacher. Anne-Sophie Mutter allerdings war  nie meine Leh ­rerin. Ich lernte sie mit elf Jahren kennen und spielte ihr dann immer wieder vor. Für mich war es fantastisch, auf eine sehr flexible Art zu studieren, mit so vielen unterschiedlichen Einflüssen und Inspirationen Ich wollte keine »Main ­stream-Karriere«.

Was verbinden Sie mit dem Begriff Talent?

Talent ist die Fähigkeit, sich inspirieren zu lassen, offen zu sein. Kinder nehmen alles auf, sie sind leicht zu inspirieren. Dann kommt die Disziplin. Picasso war der Meinung, dass jedes Kind ein Künst ­ler sei und das Problem darin bestehe, es auch als Erwachsener zu bleiben. Das ist so wahr! Schon als Kind habe ich viel gelesen und Gedichte geschrieben, ich wol ­lte Dichter werden. Mei ­ne Eltern nahmen mich mit in die Oper, das machte alles einen großen Eindruck auf mich, es war alles so lebendig. Für mich gab es da keine Grenzen, es war alles eine Einheit, ein Universum. Die Geige war nur ein Teil davon, sie ist schließlich das Me ­dium geworden, mich aus ­zudrücken.

Auch Tschaikowskys Musik haben Sie schon früh kennen gelernt. Eine erste große musikalische Liebe?

Tschaikowsky spielte in meiner Kind ­heit eine große Rolle, durch ihn änderte sich sogar meine Persönlichkeit. Ich liebe seine Ballette sehr. Ich konnte sogar die Choreographien auswendig, die ich auf der Bühne sah, und tanzte sie zu Hau ­se nach. Ich war so begeistert von sei ­ner Musik, seinen Sinfonien, der Oper »Eugen Onegin«, seinen Liedern, dem Kla ­vier ­ ­konzert, den Rokoko-Variationen. Das alles war Teil meines kindlichen Uni ­versums. Auch das Violinkonzert wurde ein Teil davon.

Die Musik ist nur einTeil ihres Universums. Als Kind wollte Vilde Frang gerne Dichterin werden. (Foto: Marco Borggreve/EMI)
<i>Die Musik ist nur einTeil ihres Universums. Als Kind wollte Vilde Frang gerne Dichterin werden. (Foto: Marco Borggreve/EMI)</i>

Haben diese frühen Erlebnisse Eingang in Ihre Interpretation des Violinkon ­zer ­tes gefunden?

Das hat jetzt nicht mehr sehr viel mit mir zu tun. Ich spiele niemals Stücke, weil sie etwas mit mir zu tun haben, sondern weil sie auf mich eine Anziehungs ­kraft ausüben und ich darin aufgehe. Tschaikowskys Musik, die sehr vom Bal ­letthaft-Tänzerischen kommt, hat etwas Magisches, sie hat etwas von einem Abenteuer, sie ist gefährlich und bezaubernd zugleich, wie Sternen ­staub... Es ist eine Geschichte in seiner Musik, in seinen Balletten.

Nun ist Tschaikowsky eines der meistgespielten Violinkonzerte, die Zahl der Aufnahmen ist unübersehbar groß. Gibt es da die Versuchung, besonders ori ­ginell, »anders« sein zu wollen?

Diese Frage stellt sich für mich nicht. Wenn ich zu einem Stück eine enge persönliche Beziehung habe, warum sollte ich dann andere Aufnahmen anhören? Das Ideal ist, mit dem Stück eins zu werden. Unbedingt etwas Neues machen zu wollen, das würde bei mir gar nicht funk ­ ­tionieren. Nur wenn etwas impulsiv und vom Gefühl her kommt, kann Mu ­sik daraus werden. Wenn ich allerdings spü ­re, dass ein Stück gar nicht zu mir spricht, habe ich ein großes Problem. Das war mit dem Violinkon ­zert von Bruch so, das ich nie besonders mochte. Es ist allgegenwärtig und wird bei jedem Studentenkonzert gespielt. Ich dachte stolz und etwas dumm, dass ich dieses Stück nie in mein Repertoire aufnehmen würde. Doch dann kam ein Ange ­bot vom London Philharmonic Orchestra, ich sollte ausgerechnet Bruch spielen. Als ich das Stück dann erarbeitet habe, erschien es mir plötzlich in einem ganz anderen Licht. Ich habe es schließlich mit großer Leidenschaft aufgeführt. Ein Werk gibt ganz andere Antworten, wenn man sich mit ihm auseinandersetzt, etwas aktiv formen und gestalten muss. Die Musik stellt permanent Fragen, auf die man als Interpret Antworten finden muss. Wenn man nur zuhört, ist man passiv und stellt keine Fragen.

Im Gegensatz zu Tschaikowsky ist das Violinkonzert von Carl Nielsen kein etabliertes Repertoirestück. Wie haben Sie das Werk für sich entdeckt?

Die Geschichte war ähnlich wie bei Bruch, nur kannte ich das Stück überhaupt nicht. Ich hatte keine Beziehung zu Nielsen, er hat mich nie besonders interessiert. Das ist eine sehr eigene Welt, und es ist leicht, Nielsen misszuverstehen. Ich wurde zuerst in Dänemark gefragt, ob ich das Konzert spielen wollte, und war nicht sonderlich begeis ­tert. Aber dann studierte ich das Werk, und es wurde eine Liebe daraus. Für Geiger ist der Solopart eher undankbar, technisch sehr unbequem und nicht einfacher als Tschaikowsky, Sibelius oder Brahms. Nielsen endet gut gelaunt, das ist dänischer Humor – und der ist nicht ganz einfach zu verstehen. Nielsen war selbst Geiger und hatte sehr hohe musikalische Ambitionen.

Gibt es neue Werke, die auf Ihrer Wunsch ­liste stehen?

Ich möchte jetzt die Konzerte von Britten und Korngold spielen. Gubaidu ­lina interessiert mich und Lutoslawskis »Chain II« und die Partita. Neulich hörte ich sein Konzert für Orchester und war sehr beeindruckt. Man entdeckt sich selbst, wenn man Musik zuhört, es erwei ­tert die Persönlichkeit. Ich mag Bartók, die Ernsthaftigkeit und Logik seiner Ton ­sprache, die für mich sehr mit Bach verwandt ist. Die Konzerte von Schu ­mann und Schönberg möchte ich spielen. Schönbergs »Verklärte Nacht« ist etwas ganz Besonderes, eines meiner Lieblingsstücke. Nicht nur das Geigen ­repertoire reizt mich, wie bei Tschaikowksy inspiriert mich das Ganze.

Wie möchten Sie in der Öffentlichkeit gesehen werden? In der medialen Welt von heute sind ja Selbstdarstellung und Visualisierung sehr in den Mittelpunkt gerückt.

Ich bin nicht sehr gut, wenn es um PR geht. Es gibt Künstler, die haben ein regelrechtes Talent, ein Image aufzubauen. Ich besitze da keine besonderen Fähig ­keiten, sondern habe eher Angst davor, dass andere mir ein bestimmtes Image geben wollen. Wenn man im Konzertleben steht, ist eigentlich nicht so viel Platz für diese Dinge. Seinen Stan ­ ­dard zu halten ist schwierig genug. Das ganze PR-Geschäft und alles, was damit zu tun hat, ist auch eine Gefahr. Man sagt zwar, es würde mithelfen, die Zukunft der klassischen Musik zu sichern. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall, es schadet ihr. All diese Dinge sind nur für den Augenblick von Bedeutung, in einem Jahr hat sich alles wieder überlebt, ist wieder aus der Mode. Aber die Musik, das Unvergängliche, ist noch da. Das sollte man schätzen. Nur dieses Spiel des Augenblicks zu spielen ist ein anderes Business. Das hat mich nie interessiert, ich bin da eher ein Dino ­sau ­rier und möchte bei mir selbst bleiben.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2012