Yannick Nézet-Séguin

Die Yannick-Erfahrung

Yannick Nézet-Séguin erobert die Musikwelt. Auch Holger Noltze, der den Dirigenten in München traf, ist hingerissen von seiner Musikalität, die er erstmals bei einem spektakulären Debüt in Salzburg erleben durfte. In Dortmund freut sich das Konzerthaus, ihn in der nächsten Saison als Exklusivkünstler begrüßen zu dürfen.

Foto: Petra Coddington/PR
Foto: Petra Coddington/PR

Es war kein leichter Abend in Salzburg. Netrebko hatte abgesagt, das Traumpaarwunder mit Rolando Villazón musste nachbesetzt werden, die Netrebko-Fans und Traumpaar-Enthusiasten waren enttäuscht, und auf dem Programm stand ausgerechnet Gounods süßstoffreiches »Roméo et Juliette«, worüber Kenner und Großkritiker schon reflexhaft die Nase rümpfen, noch dazu inszeniert von einem Musicalspezialisten. Der Abend roch nach teurem Reinfall. Sensationskalkül, das nicht aufgeht, Populismus, der nicht funktioniert, die schlimmste Festivalsünde. Den Dirigenten kannte kaum jemand, einen 33-jährigen Frankokanadier mit einem schwer zu merkenden Doppelnamen, Yannick Nézet-was? Im weiten Rund der Felsenreitschule war die Vorfreude überschaubar.

Dann trat der Unbekannte vor das Mozarteum-Orchester. Wild tremolierten die Geigen, scharf tönte das Blech, tuschten die Becken, etwas wilder, schärfer, als es sich gehört bei diesem Stück, dem die Nachwelt Charme zugesteht, aber nicht, »echtes« Drama zu sein. Der junge Mann, den kaum jemand kannte, erzählte mit offensichtlich größter Lust aber eben dies: ein Drama, und fast gleichgültig, was oben auf der Bühne geschah, es wurde eine Feier für Gounod, jedes Umtata genossen, jede Kantilene ein Fest, und bis zur Pause hatte man sich den Namen gemerkt: Yannick Nézet-Séguin.

Fünf Jahre später sitzt er auf der Terrasse am Herkulessaal in München, eben hat er mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks ein Open-Air Programm für den Odeonsplatz geprobt, und wieder konnte man diese Präsenz erleben, die nie versiegende Lust, jede »Nummer« zu zelebrieren. Fünf Jahre später ist Yannick Nézet-Séguin Chef in Philadelphia und Rotterdam, immer noch in seiner Heimatstadt Montréal, Principal Guest Conductor beim London Philharmonic, er kennt die Scala und die Met, die Philharmoniker in Wien und Berlin, er wurde von 60 Orchestern eingeladen und 60-mal wieder angefragt. Viel ist passiert, kaum zu fassen. Doch an diesen ersten Abend in Salzburg kann er sich noch gut erinnern. War er nervös? – »Tatsächlich war ich aufgeregt, ich dachte: Salzburg, das ist Karajan, was tue ich hier? Und dann konnte ich mit den Sängern arbeiten, und es war ein Traum von Anfang bis Ende. Natürlich hatte ich den schwierigen Kontext verstanden, aber wenn es darum geht, Musik zu machen, muss man einfach an das Werk glauben.«

So gewann er Publikum und Kritiker, indem er Gounods Musik feierte: »Bei jedem Werk müssen wir einen Weg finden, daran zu glauben. Ich werde nicht behaupten, dass Gounod so bedeutend und tief ist wie Wagner oder Verdi. Aber als Dirigent, Interpret überhaupt, muss man diesen Schlüssel finden, den Zugang, der es besser macht, als man erwartet hätte. ‚Roméo et Juliette‘ ist sehr intim, es geht über die vielen Liebesduette, man muss das mit einer gewissen Zartheit behandeln, ,avec caresse´â€¦« – Eine Liebkosung, das trifft es. Im Jahr nach jenem wundersamen Abend in Salzburg konnte man bei einem Ravel-Recital mit dem Rotterdam Philharmonic (EMI) nachhören, was diese Haltung im Fall der Wunderpartituren, etwa der zweiten »Daphnis et Chloé«-Suite bedeutet: durch das komplex-präzise, ohrenöffende Flötengezüngel eines fein ausgehörten Morgendämmerns, seidenfeine Streicherklänge bis zu den fünf märchenhaften Miniaturen »Ma mère l῾oye«: eine außerordentliche Hingabebereitschaft an diese vermeintlichen Kinderstücke und keine Angst vor dem Süßen. Die hat er nicht. Im vierten Stückchen, der Unterhaltung zwischen der Schönen und dem Biest, lässt sich diese Musizierhaltung in nuce studieren. Klangsinn, Entdeckerlust und die Freude, andere: uns daran teilhaben zu lassen. Eine Geschichte so gut wie irgend möglich zu erzählen. Und wenn nun die Musik selbst so deutlich erzählt wie Berlioz‘ theatralische »Symphonie fantastique«, dann bezaubert er mit einem ganz verhalten-versonnenen Anfang und verzichtet auf die bekannten Mittel zur Geschmacksverstärkung. Im finalen »Hexensabbat« lässt er dann die Höllengeister frei, und die Schreckensvision hat etwas real Bedrohliches, ein Fall von angewandter dramaturgischer Intelligenz (zu hören bei BIS).

Sein Pianissimo leiser als sehr leise, seine Pausen oft jenen Mikromoment länger ausgehalten, als unser inneres Ohr es voraushören will, und in einem Nézet-Séguin´schen Fortissimo steckt immer noch ein bestürzendes Quantum Reserveenergie. »Kontraste sind für mich enorm wichtig. Nicht wegen des Effekts. Es ist ja im Text angelegt. Gleich welche Musik: Ob es französische ist, die auf Klangfarben zielt, oder ob sie politisch ausgerichtet ist wie Schostakowitsch oder historisch-mythologisch wie Wagner – es läuft darauf hinaus, ein dramatischer Ausdruck von Gefühlen zu sein. Jede Musik hat eine Geschichte, und um sie so gut wie möglich zu erzählen, schöpfe ich die Kontraste aus. Für die Geschichte brauche ich die Extreme, sonst ist es middle of the road, das ist nicht interessant.«

Was Yannick Nézet-Séguin zu erzählen hat, unter erheblichem Körpereinsatz, einer staunenswerten Dauerpräsenz und einer noch erstaunlicheren Fähigkeit zu multipel-simultaner Kommunikation in drei oder mehr Richtungen zugleich, das ist immer unmittelbar interessant, aber es kann auch die Dimension des Existenziellen erreichen. Schostakowitschs Fünfte mit dem London Philharmonic etwa, mit der er in diesem Sommer seine dreijährige Residenz am Konzerthaus Dortmund eröffnete, als Nachfolger von Esa-Pekka Salonen – diese Fünfte machte spätestens klar, wie viel größer seine Welt ist, und wer es bis dahin nicht mitbekommen hatte, spürte es spätestens mit dem Paukeneinsatz im Finale: eine Mischung aus Euphorie und Verzweiflung, wie sie ähnlich so in Leonard Bernsteins Aufnahme des Stücks zu erleben war und selten so existenziell. Selten auch ist zwischen einem Orchester und einem Dirigenten derart sichtbar geworden, was sich auf Englisch besser sagen lässt: »responsiveness«, ein hohes Maß an gegenseitiger Aufmerksamkeit und Ansprachebereitschaft. Hier liegt für Nézet-Séguin der magische Punkt. Wir können nur zuschauen bei Akten offensichtlich glückender Kommunikation, vor allem aber kann man es hören.

»Als Dirigent empfinde ich, dass Schönheit eine Pflicht enthält. Ich muss es ermöglichen, dass die Gefühle der Musiker deutlich werden, ich muss eine Vertrauensbasis herstellen, damit sie sich ausdrücken und entfalten können. Nicht ich drücke mich aus, sie sind es. Ich muss die Bedingungen schaffen, damit wir zum Herz der Musik gelangen.« Hier irgendwo liegt wohl ein Teil des Geheimnisses: Es gelingt ihm, Musiker zu verführen, auch die abgebrühten Profis des Philharmonic oder, an diesem Abend in München, die Präzisionisten des BR-Symphonieorchesters.

Nach einem fein komponierten Open-Air-Programm, nach liebevoll produzierten Recitals wie zuletzt mit dem Klarinettisten Andreas Ottensamer (»Portraits. The Clarinet Album«, DG, siehe auch FF 8/13) oder der Flöte von Emmanuel Pahud (»A Night At The Opera«, DG), nach dem Gounod-Wunder von Salzburg ist klar: Yannick Nézet-Séguin versteht das Leichte ernst zu nehmen. Was aber macht er mit dem Ernsten, den Schwergewichten? – »Ich sehe mich als ,smiling personality´, frankokanadisch, ein bisschen mit romanischen Wurzeln, das Leben war nett zu mir, und in der Musik kann man das auch spüren. Was mich aber immer angezogen hat, waren die dunkelsten Werke. Ich glaube, man braucht eine Balance im Leben, und all das Leiden, die Tragödien, die solchen Werken eingeschrieben sind, enthalten für uns eine Möglichkeit von Katharsis.« Um dieses Gleichgewicht zu finden, war die frühe Begegnung mit Carlo Maria Giulini prägend: »Ich war 22, als ich zu ihm kam, er über 80. Ich hatte ihm einen Brief geschrieben, und er hatte geantwortet, dass er keinen Assistenten bräuchte, aber mit mir arbeiten würde. Er hat mich mit viel Respekt behandelt. Für mich war der spirituelle Aspekt bei Giulini faszinierend, wie man das etwa in seinen späten Bruckner-Aufnahmen hört. Und ich dachte, er würde in den Proben über Philosophie und Metaphysik sprechen. Die wichtigste Lektion aber war, wie sehr down to earth er war. Es ging um Bögen, Legato, Dynamik, und dabei war er sehr human, absolut aufrichtig. Er musste nicht über Philosophie reden, er sprach durch seine Persönlichkeit. Also: Ich habe keine »Antwort« bekommen, aber diese Erfahrung war für mich inspirierend. Die beste Art, ‚mystisch‘ zu sein, ist human zu sein.«

Foto: Marco Borggreve/PR
Foto: Marco Borggreve/PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2013