Yuja Wang

»Deutsche bevorzugen das Strukturierte«

Nach Lang Lang und Yundi ist Yuja Wang der dritte chinesische Tastenstar, der auf die Konzertbühnen der Welt drängt. Auf ihrem aktuellen Album bei der Deutschen Grammophon hat sie ihre liebsten Zugabenstücke zusammengetragen. Mario-Felix Vogt traf sie zum Gespräch in Hamburg.

(Foto: Esther Haase/DG)
<i>(Foto: Esther Haase/DG)</i>

Brrr ist das kalt! Ein frostiger Nord ­seewind fegt an diesem Januar ­tag durch Hamburg bei Tempe ­raturen um den Gefrierpunkt. Da ist es von Vorteil, dass das Brahms-Foyer in der altehrwürdigen Laeiszhalle gut geheizt ist. In dem festlichen neobarocken Saal treffe ich auf Yuja Wang. Die 25-jährige Pianistin hat gerade eine Probe mit »Rach 3« hinter sich, wie Rachma ­ninows drittes Klavierkonzert im Pianis ­tenjargon gerne abgekürzt wird, am nächsten Tag wird sie das diffizile Werk dem Hamburger Publikum darbieten. Rachmaninows zweites Kla ­vierkonzert hat sie bereits auf CD eingespielt, wie auch die h-Moll-Sonate von Liszt und Chopins b-Moll-Sonate, alles gewichtige und umfangreiche Werke.

Ihr neues Album »Fantasia« hingegen kommt leichtfüßig daher. Eine bunte Mischung stellt es dar. Romantische Evergreens mit Salonaura wie Chopins cis-Moll-Walzer oder Rachmaninows Elegie gehören dazu, aber auch virtuose Reißer wie Horowitz' berühmte »Car ­men-Variationen« oder Georges Cziff ­ras verteufelt schwierige Bearbeitung von Johann Strauß' »Tritsch-Tratsch-Polka«. Allerdings möchte Yuja Wang auf »Fan ­ta ­sia« nicht in erster Linie virtuose Ef ­fekt ­stücke präsentieren, vielmehr legt sie Wert darauf, »mit jedem Stück eine besondere Stimmung, eine bestimmten Duft zu schaffen«. Zusätzlich versucht sie, möglichst verschiedene nationale Musiktraditionen vorzustellen: »Die Stü ­cke von Rachmaninow repräsentieren Russland, der Chopin-Walzer Polen, und Schubert und Gluck stehen für Öster ­reich. Außerdem befinden sich auf  dem Album viele Transkriptionen von Pianis ­ten wie Vladimir Horowitz und Georges Cziffra, die zu meinen Idolen gehören.« Mit »Tea For Two« fand sogar ein Arran ­gement der Jazz ­legende Art Tatum Ein ­gang in die Sammlung, »schließlich le ­be ich in Amerika«. Wang sieht »Fantasia« deshalb auch als »eine Hommage an diese bedeutenden Künstler«.

Bei vielen Künstlern und Kritikern galten virtuose Transkriptionen lan ­ge Zeit als unseriöse Musik, insbesondere in Deutschland. Läuft man nicht Gefahr, von der Musikwelt in die Schub ­lade »Zirkuspianist« gesteckt zu werden, wenn man ein solches Album veröffentlicht? »Sicherlich gehe ich mit diesem Album das Risiko ein, dass manche diese Stücke nicht für  ernsthaftes, wichtiges Repertoire halten«, räumt Wang ein. »Aber: Nicht alle Werke, die ich spiele, müssen notwendigerweise einen philosophischen oder literarischen Hinter ­grund mitbringen. Natürlich gehören solche Kompositionen zu meinem Re ­per ­toire, virtuose Trans ­ ­krip ­tionen hingegen spiele ich einfach nur zum Ver ­gnügen.« Ein besonderer Reiz besteht für sie auch darin, dass viele dieser Stü ­cke ursprünglich als Or ­ches ­terwerke komponiert wurden: »So stehe ich vor der Herausforderung, den Flügel wie ein Orchester klingen zu lassen, und auszuprobieren, was ich aus dem Instrument klanglich alles herausholen kann.«

Auf die Frage, welcher Komponist ihr besonders nahe ist, antwortet sie wie aus der Pistole geschossen: Chopin. Auch mit russischer Musik kann sie sich sehr gut identifizieren, vor allem mit der von Rach ­ma ­ni ­now und Prokof ­jew. Mehr Schwierigkeiten bereitet ihr Brahms: »Ich liebe seine Musik, aber die Be ­schäf ­tigung damit ist sehr müh ­sam für mich«, bekennt sie. In der aktuellen Saison spielt Wang seine Klavierstücke op. 116, das ist für sie »eine ganz neue Erfahrung«. Auch Bachs Musik habe sie sich »noch nicht angenähert«, gleichwohl schätzt sie seine Musik ebenfalls sehr.

Für vollkommen unterbewertet als Kom ­ponist hält sie Gabriel Fauré: »Von ihm habe ich gerade einige sehr wertvolle Stücke entdeckt, beispielsweise hat er wunderschöne Nocturnes geschrieben. Seine Musik schafft mit vielen Farben eine besondere Atmosphäre. Sie enthält schöne Melodien und bringt so manche harmonische Überraschung mit sich.«

Seine Klavierwerke sollten ihrer Mei ­nung nach viel häufiger gespielt werden. Hat sie eine Idee, weshalb Faurés Kla ­viermusik insbesondere in deutschen Konzertsälen kaum zu hören ist? »Das mag damit zu tun haben, dass Faurés Musik strukturell nicht so gut gearbeitet ist. Und die Deutschen bevorzugen doch das gut Strukturierte.« (lacht). Für überschätzt hingegen hält Wang die Spätromantiker Bruckner und Mah ­ler: »Beide werden einfach zu häufig gespielt«, findet sie.

Es ist beeindruckend, wie ehrlich und direkt Yuja Wang auf meine Fragen antwortet, wie sie eigene Defizite benennt und auch klar Position bezieht, wenn es um die Bewertung von Komponisten, Pianistenkollegen und Lehrern geht. Kei ­nesfalls versucht sie, sich als musikalische Alleskönnerin zu präsentieren. Sich selbst zu erhöhen, hat sie offensichtlich ganz im Gegensatz zu manchen Musikern der zweiten oder dritten Garnitur nicht nötig.

Auch bei ihren Konzertauftritten glänzt die chinesische Pianistin durch Bescheidenheit. Anders als ihr Lands ­mann Lang Lang benutzt Yuja Wang die Musik nicht zur Selbstdarstellung. Über ­triebene Gestik und Grimassen ­schnei ­derei sind ihr völlig fremd, allenfalls ihre hautengen Bühnenoutfits und High Heels tragen der Erwartungs ­hal ­tung einer auch auf Glamour und Optik schielenden Zuhörerschaft Rechnung.

Was bei ihrem Spiel sofort auffällt, ist ihre phänomenale Tonkontrolle. Die vie ­len Abstufungen im Piano, Pianis ­simo und noch leiseren Dyna ­mik ­stufen, über die die junge Chinesin scheinbar mühelos verfügt, machen staunen, niemals wirkt ihr Spiel dabei undeutlich. Auch wenn ihre linke Hand Begleit ­figuren »sotto voce« murmeln lässt, ist jeder Ton deutlich angeschlagen, ebenso in den rasenden Läufen der »Carmen-Variationen«. Das können auf diesem Niveau nur wenige.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe April 2012