Andris Nelsons

„Bruckners Musik ist groß, nicht laut”
Andris Nelsons schafft den Spagat zwischen Leipzig und Boston, Bruckner und Wagner.

Von Volker Tarnow

Foto: Marco Borggreve

Alle Koordinaten wiesen in diese Richtung: Früher oder später musste Andris Nelsons das Gewandhausorchester übernehmen. Er wuchs auf in Riga, wo Richard Wagner zwei Jahre lang als Kapellmeister wirkte. Jetzt ist er Chefdirigent in Wagners Geburtsstadt Leipzig. Einer seiner Vorgänger dort hieß Arthur Nikisch, der in Leipzig die siebte Sinfonie Bruckners uraufgeführt hat – und wie Nelsons auch das Boston Symphony Orchestra leitete.

Herr Nelsons, der Weg von Riga nach Leipzig ist nicht allzu weit. Zwischen beiden Städten bestehen alte und tiefe Beziehungen.
Der deutsche Einfluss war in Riga tatsächlich stark, und in der Altstadt fühlt man sich oft, als wäre man irgendwo in Deutschland.

Können Orchester solche Traditionen bewahren?

Einige Leute behaupten, wer die beste „Symphonie fantastique“ erleben will, muss sie mit dem Boston Symphony Orchestra hören – das Repertoire dort lässt unschwer die französische Tradition erkennen. Und dank Kussewitzki haben sie außerdem eine Schostakowitsch-Tradition. Auch das Gewandhaus Leipzig hat seinen eigenen Klang – nicht den berüchtigten „deutschen Klang“, aber es existiert zweifellos ein spezifischer Leipziger Klang, ein Dresdner Klang usw. Ich hörte als Junge, in der sowjetischen Zeit, erstmals Schallplatten mit dem Gewandhaus unter Kurt Masur und erinnere mich noch heute an diese beeindruckenden Aufnahmen – niemand sonst kann Mendelssohn oder Schumann spielen wie sie, so transparent und hell und zugleich so reich und tief.

Es ist keine italienische Musik   …

(lacht) Nein, es ist nicht italienisch, und was Bruckner betrifft, eröffnete sich mir ein viel weitergehendes Verständnis seiner Sinfonien, weil die zahlreichen Passagen mit ppp in Leipzig fast wie Renaissancemusik klingen, wie ein Gebet, niemals seifig.

Diese besondere Qualität ist sehr gut zu hören auf Ihrer aktuellen Einspielung von Bruckners siebter Sinfonie: Sie wählen vergleichsweise langsame Tempi, die bei Bruckner absolut erforderlich sind, und Sie vertrauen nie auf große Effekte.

Bruckner hat nichts von Prahlerei, es ist reines Musizieren und musikalisches Denken. Das verrät ja schon sein Lebensstil, er kleidete sich wie ein Bauer, sodass die Leute sagten: Seht mal, was für ein seltsamer Typ. Und wie der Mensch ist auch seine Musik: niemals egozentrisch, niemals mit der Attitude „Das bin ich!“

Er war halt nicht Wagner!
Richtig. Ich liebe Wagner, aber die Unterschiede zwischen diesen beiden sind überdeutlich: hier donnerndes, großartiges Selbstbewusstsein, dort eine völlig andere Dimension, eine Hinwendung zu Gott.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Oktober 2018