Antonio Pappano

Mit Herzblut
Antonio Pappano ist ein Mann mit vielen Fähigkeiten. Mit seinem römischen Orchester hat er die Bernstein-Sinfonien aufgenommen, als Klavierbegleiter mit Ian Bostridge ein Lied­programm zum Ende des Ersten Weltkriegs.  

Von Arnt Cobbers

Fotos: Riccardo Musacchio & Flavio Ianniello / EMI Classics

Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich habe gerade ein Telefoninterview gegeben, ich dachte, das wäre meine Verabredung gewesen“, sagt Antonio Pappano, als er eine Viertelstunde nach unserem Termin in der Hotelhalle des Taschenbergpalais in Dresden erscheint. Dass er nochmal eine halbe Stunde für ein Interview opfern muss, scheint ihm aber nichts auszumachen. Der vor 58 Jahren als Sohn italienischer Eltern bei London geborene Kosmopolit wirkt gut gelaunt – und spricht fließend Deutsch. In den 80er-Jahren war er „ein paar halbe Spielzeiten in Frankfurt und im Sommer oft in Bayreuth“, wie er sagt. „Ich habe keine Furcht, Fehler zu machen – das ist ein guter Weg, eine Sprache flüssig zu sprechen. Mit Fehlern, aber es geht.“ Seit 2002 ist er Musikdirektor des Royal Opera House Covent Garden in London, seit 2005 auch Chefdirigent des Orches­tra dell᾿Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom.

Herr Pappano, warum haben Sie die drei Sinfonien von Bernstein in Rom eingespielt?
Bernstein war die letzten zehn Jahre seines Lebens der Präsident von Santa Cecilia, er kam jedes Jahr nach Rom und hatte eine enge Beziehung zum Orchester. Viele Musiker im Orchester und im Chor haben noch Erinnerungen an ihn, sein Geist ist immer noch dort in den Räumen zu spüren. Wir haben die neue Saison mit der „West Side Story“ eröffnet und sagen Grazie, Lenny, weil er für unsere Geschichte wichtig war. Bei Bernstein denkt man an die „West Side Story“, an „Candide“ und an den Dirigenten Bernstein – leider sind seine Sinfonien dem Publikum und auch den Programmmachern kaum präsent. Natürlich kann man in jedem Takt sagen: Das ist Mahler, das ist Hindemith oder Copland oder aus der jüdischen Musik oder Jazz – und doch: Man hört zwei Töne und sagt: Das ist Bernstein! Das muss man erstmal können! Er hat alles gelesen und gespielt und dirigiert, er war emotional offen für alles, für andere Menschen, für alle Arten von Musik, für alle Ideen, und er war politisch stark und gefestigt. Er war eine Persönlichkeit. Sein Fluch war die „West Side Story“, die ist so ikonisch geworden, dass daneben all seine anderen Werke zu verschwinden drohen.
Die Sinfonien spiegeln, einfach gesagt, jeweils eine Krise seines Glaubens. Die erste Sinfonie „Jeremiah“ ist 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, entstanden. Da klagt der Prophet über die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, aber gemeint ist natürlich der Zweite Weltkrieg. „Age and Anxiety“ wirft Ende der 40er-Jahre einen Blick zurück auf die Hoffnungslosigkeit des Krieges und fragt: Was soll das, was machen wir jetzt? Eigentlich ist sie ein Klavierkonzert, und das Klavier ist Lenny, das ist autobiografisch. Und 1963 schreibt er seine dritte Sinfonie, und dann geschieht der Mord an JFK und stellt die Welt auf den Kopf. Und sie ist seitdem eigentlich nie wieder auf die Füße gekommen. Die Dritte ist seine persönlichste Sinfonie, die Rolle des Erzählers hatte er für seine Frau gedacht, sie schreit gegen Gott: Warum? Das ist natürlich auch wieder er, Lenny, und da öffnet er sich ganz. In jeder Sinfonie wird der Wille zur Erlösung spürbar, seine Hoffnung, den Glauben wiederzufinden. Das kann man sentimental finden, aber wir Menschen sind eben auch sentimental. Das ist der Lenny, wie man ihn von Bildern her als Dirigent vor Augen hat, er breitet die Arme aus und will alle umarmen.


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