Ray Chen

„Alle sehnen sich nach Neuem“
Der Geiger und Social-Media-Star Ray Chen meldet sich nach vier Jahren mit einem neuen Album zurück.

Von Arnt Cobbers

Foto: Sophie Zhai

Spätestens seit er 2009, mit 20 Jahren, den Königin-Elisabeth-Wettbewerb in Brüssel gewann, kennt die Geigenwelt den Namen Ray Chen. Geboren in Taiwan und aufgewachsen im australischen Brisbane, ging er mit 15 Jahren ans Curtis Institute nach Philadelphia.
Seit zwei Jahren ist sein offizieller Wohnsitz nun Berlin. Auf Youtube ist Chen mit vielen Videos präsent, die ihn als witzigen, lockeren Kamera-Flirter zeigen. Nach drei CDs für die Sony legte er allerdings erstmal eine Pause ein, und auch seine Konzertkarriere kommt hierzulande erst in letzter Zeit richtig in Fahrt. Im Interview wirkt er freundlich und zugewandt.

Ray, in der Kurz-Biografie auf der Website Ihrer neuen deutschen Agentur findet sich der schöne Satz: „Ray Chen hat das Bild des klassischen Musikers im 21. Jahrhundert neu definiert.“
(lacht) Das ist tatsächlich etwas, woran ich hart arbeite. Wir haben längst begonnen, neue Wege zu beschreiten mit den neuen Technologien und den sozialen Medien, um Kontakt zum Publikum aufzubauen und zu halten. Was die Berliner Philharmoniker mit ihrer Digital Concert Hall machen, ist beeindruckend. Jeder Künstler, jede Institution geht da einen eigenen Weg. Meiner ist davon geprägt, dass ich in Australien und den USA aufgewachsen bin. Mein Ziel ist es, junge Leute zu erreichen. Ich glaube, es ist ganz wichtig, klassische Musik in jungen Jahren kennenzulernen. Es heißt immer, die Leute kommen schon eines Tages, wenn sie älter sind und Muße haben, in die Konzerte. Nein, die kommen nur, wenn sie die Musik als Kinder kennengelernt haben. Wir haben schon eine Generation verloren, und wir müssen aufpassen, dass wir nicht die nächste Generation verlieren. Ich habe eine ganze Menge kurze, lustige Videoclips gemacht für Leute vielleicht zwischen 8 und 18. Und dieses Publikum wächst jetzt mit mir mit. Inzwischen mache ich andere Videos – ich habe treue Unterstützer, und für die soll es interessant bleiben. Was ist unsere Aufgabe, unser Platz als Musiker in der Welt? Unsere Aufgabe ist es, zu kommunizieren, unsere Ideen, unsere Leidenschaft, unsere Emotionen und unsere Freude mit dem Publikum zu teilen. Was gibt es da für einen besseren Weg, als das direkt zu tun über die sozialen Medien!

Aber das macht viel Arbeit.
Ich stelle nicht regelmäßig Filme ins Netz. Meine Follower verstehen, dass ich einen Fulltime-Job als Musiker habe. Ich bekomme oft Anfragen: Wann kommt dein neues Video? Aber ich glaube, sie verstehen, dass ich nicht dauernd etwas produzieren kann.

Die Filme sehen sehr professionell aus, das sind keine Schnappschüsse, die mal nebenbei von Freunden gemacht werden, oder?
Doch, die kurzen schon. Aber ich schreibe immer ein Script. Ich entwickle die Idee, schreibe den Ablauf, überlege mir die Kameraeinstellungen – das mache ich meist, wenn ich im Flugzeug sitze. Ich muss immer etwas finden, was mich mit den Zuschauern verbindet, damit sie die Filme gucken. Wobei die erste Frage die grundsätzliche ist: Will ich einen lustigen oder einen ernsthaften Film? Ich mache auch Motivationsfilme, einer beschäftigt sich zum Beispiel mit der Unsicherheit und wie man als Musiker damit umgeht. Diese Filme zu machen, inspiriert mich auch als Musiker. Ich kann mich da kreativ ausleben – während man als klassischer Musiker in seiner Kreativität doch sehr eingeschränkt ist. Als Kind spielt man sehr frei. Aber dann kommt der Punkt, wo dein Lehrer dich fragt: Kannst du dir vorstellen, das als Beruf zu machen? Und wenn du dann ja sagt, heißt es: Dann kannst du Mozart nicht so spielen und Bach nicht so. Plötzlich gibt es überall Verbote. Deine Selbstsicherheit geht den Bach runter. Was vorher Spaß war, wird plötzlich ernst. Und es gibt nur noch einen sehr engen Weg, wie man etwas spielen kann, du hast kaum noch Möglichkeiten, Eigenes zu machen. Das kommt in der Regel im Teenager-Alter, also in der Pubertät – das ist eine ganz kritische Phase für Musiker. Da droht die Gefahr, dass du deine Kreativität verlierst. Und wenn du das überstanden hast, versuchst du, in deinen frühen Zwanzigern, deinen eigenen Weg zu finden und das innere Feuer wieder zum Brennen zu bringen. Die Filme habe ich als Möglichkeit empfunden, wieder zu meiner eigenen Kreativität zurückzufinden. Ich habe viele Wettbewerbe gespielt als Student und zum Glück einige gewonnen. Aber was kommt dann? Es gibt so viele Wettbewerbssieger, so viele Geiger spielen technisch perfekt. Du fragst dich: Was kann ich der Welt geben, was mehr ist als ein weiterer Wettbewerbssieger?


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe juli 2018