Chor des Bayerischen Rundfunks

Die Anti-Spezialisten

Nach der viel gelobten Einspielung des Fauré-Requiems setzt der Chor des Bayerischen Rundfunks nun ein weiteres Ausrufezeichen. Unter seinem Leiter Peter Dijkstra hat sich das Ensemble der unvollendeten Großen Messe KV 427 von Mozart angenommen – in einer neuen Komplettierung und Rekonstruktion von Clemens Kemme. Marco Frei hat mit Dijkstra über das Projekt gesprochen.

Foto: Sony
<i>Foto: Sony</i>

Herr Dijkstra, sind Sie wirklich ein bekennender »Anti-Spezialist«?

Ja. Ich mag das Label »Spezialist« nicht so sehr, weil ich nicht mit einem Tunnelblick auf einen Stil schauen möchte. Wenn man Strawinsky gut kennt, blickt man anders auf Mozart oder Bach und umgekehrt. Querverbindungen zwischen Stilen und Komponisten sind interessant, und ich glaube, dass man die Epochen nicht voneinander trennen kann. Das ist eine natürliche, durchgehende Entwicklung. Das interessiert mich.

Zumal viele Komponisten selbst diese Querverbindungen suchen, so Mozart in seiner Großen Messe KV 427. Inwieweit greift das Werk auch den barocken Stil und Elemente der italienischen Oper auf?

Auf jeden Fall gibt es operntheatralische Momente in dem Werk – zum Beispiel im »Laudamus te«. Bei der Erstaufführung 1783 hat zudem auch eine Sopranstimme gesungen, natürlich Mozarts Frau, das ist überliefert. Und die anderen Stimmen wurden von drei italienischen Sängern gesungen – ein Kastrat für den zweiten Sopran sowie Tenor und Bass. Diese Sänger- und Stimmenbesetzung passt also ebenfalls zu den Elementen der Opera seria in dem Werk. Und natürlich hat Mozart ebenso viel Musik von Johann Sebastian Bach und ganz besonders von Georg Friedrich Händel gehört – zumal er ja auch Gast von Baron van Swieten war, der nicht zuletzt Soirées mit Barockmusik veranstaltete. Im Gloria aus der Großen Messe hört man fast schon das »Halleluja« aus dem »Messiah« oder Chöre aus »Solomon« – von der Wirkung her. Es ist nicht eins zu eins übernommen, aber davon inspiriert.

Dürfen unvollendete Werke vervollständigt werden?

Die Fassung der Großen Messe Mozarts von Clemens Kemme, die wir eingespielt haben, sehe ich nicht als Vervollständigung. Bei dieser Messe würde eine Vervollständigung heißen, die von Mozart vorgegebenen Sätze weiterzuführen. Das Credo blieb ja unvollendet, und es liegt auch kein Agnus Dei von Mozart vor. Kemmes Fassung konzentriert sich einzig auf das Material, das von Mozart autographisch überliefert ist – vollständig oder unvollständig. Es gibt insgesamt acht Fassungen dieser Messe, Kemmes ist die jüngste und auf dem neuesten Stand. Für mich ist das die beste.

Warum?

Weil Kemmes Fassung eben darauf verzichtet, noch ein Agnus Dei oder weitere Credo-Sätze dranzuhängen, von denen keine einzige Note erhalten ist. Vollständig erhalten sind ja nur das Kyrie und das Gloria, wohingegen »Credo in unum Deum«, »Et incarnatus est«, Sanctus und Benedictus unvollständig geblieben sind. Hier hat Kemme fehlende Stimmen ergänzt.

Also ist es doch eine Vervollständigung?

Es ist eine Bearbeitung. Von dem Engländer Richard Maunder gibt es eine ähnliche Fassung von 1988/90, sie geht in die gleiche Richtung. Allerdings muss ich sagen, dass die Kemme-Fassung noch besser ist – weil beispielsweise im »Et incarnatus est« die Streicherstimmen, die nicht überliefert sind, von Kemme schlichter und einfacher gesetzt sind. Auch in der »Osanna«-Fuge ist die Stimmverteilung nach meinem Empfinden optimal, da hat sich Kemme auf Beispiele von Johann Christian Bach oder anderen Zeitgenossen berufen, die Doppelfugen gesetzt haben. Das Notenmaterial dieser Fuge ist überliefert, die Stimmen müssen nur richtig verteilt werden.

Gleichwohl verdeutlicht Kemmes Bearbeitung nur teilweise die gewaltigen Ausmaße der Großen Messe. Hätte die Messe bei Vollendung eine ähnliche Größe erreicht wie die h-Moll-Messe von Bach?

Nur weil die Messe »Groß« genannt wird, bedeutet es noch nicht, dass diese Bezeichnung auch von Mozart stammt. Das kam nachträglich. Ich denke im Gegenteil, dass Kemme dieses Werk auf die Maße zurückgeführt hat, wie es ursprünglich war und eigentlich ist.

Dennoch war diese Messe länger als andere, die zu Mozarts Zeit in der Klassik geschaffen wurden.

Ja, sie ist eine längere, monumentalere »Missa solemnis«. Hätte Mozart das Werk vervollständigt, zählte es nicht 55 Minuten, sondern knapp anderthalb Stunden. Eine solche Messe wäre zur damaligen Zeit nicht aufgeführt worden, weil die kurzen Messen beliebter waren und sich besser in den Gottesdienst einbauen ließen. Bachs h-Moll-Messe zählt fast zwei Stunden, aber sie wurde auch nicht für den Gottesdienst konzipiert. Die Messen von Jan Dismas Zelenka zählen rund eine Stunde und zehn Minuten. Schon da wurde damals moniert, dass das furchtbar lang sei. Mozart wusste also, dass eine Messe dieses Ausmaßes wahrscheinlich nicht genutzt würde.

Was auch nicht unbedingt Mozarts Ziel war. Schon das Kyrie ist ja im Grunde keine repräsentative Eröffnung für den Gottesdienst. Häufig ist zu lesen, dass hier existenziell die Not und die Bedrängnis des um Erlösung bittenden Menschen dargestellt würden.

Das Kyrie ist fast schon Konzertmusik, ja. Aber die von Ihnen genannte Deutung ist mir doch zu romantisch. Natürlich ist es ein Schrei, eine tiefe Bitte jedenfalls, das schon. Aber existenziell? Das geht mir zu weit. Es ist eine starke Bitte, darauf kann man sich einigen. Und gerade deswegen gefällt mir ja auch Kemmes Fassung so gut – weil er nicht »mehr« aus dem Werk gemacht und es zugleich nicht vereinfacht hat. Er hat das Material Mozarts gewürdigt und zurechtgerückt.

Trotzdem gibt es die Barock- und Opernelemente in dem Werk sowie eine stattliche Länge und eine ungewöhnliche Ausdrucksdichte. Kann es nicht sein, dass die Partitur selbst Mozarts Vorstellungskraft sprengte, weshalb sie unvollendet blieb?

Auch das geht mir einfach zu weit, das ist »too much«. Ich denke wirklich, dass es ganz pragmatische, sehr praktische Gründe waren, dass die Messe unvollendet blieb. Er sah, glaube ich, einfach keine Möglichkeit, das Werk zu vermarkten. Und er hatte ja auch noch andere Verpflichtungen, er war etwas chaotisch…


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2013