Hiromi

Energiebündel mit zarten Saiten

Powerplay und Poesie – Hiromi verfügt souverän über das gesamte Spektrum pianistischer Ausdrucksmöglichkeiten. Nach einem kometenhaften Aufstieg in den Nullerjahren gehört sie heute zu den Stars der internationalen Jazzszene. Mit ihrem Trio Project lässt sie sich jetzt wieder in Europa hören. Von Berthold Klostermann

Foto: Maga Miyahara
Foto: Maga Miyahara

Mich inspirieren Sportler wie Carl Lewis und Michael Jordan“, bekennt Hiromi, und wer sie einmal erlebt hat, wundert sich kein bisschen. „Mich inspirieren Menschen, die eine Riesenenergie ausstrahlen“, fährt sie fort. Wollte man die japanische Pianistin mit einem Wort charakterisieren, dann am ehesten mit „Energie“. Sie ist ein Energiebündel, ihr Spiel ein pianistisches Feuerwerk. Nichts scheint die zierliche Person mit dem wild gebündelten Haar bremsen zu können. Sie springt vom Schemel auf, um mehr Punch zu erzielen, traktiert das Klavier, streichelt es, ist immer in Bewegung. In den druckvollsten Momenten wirkt ihr perkussiver Anschlag wie Karate auf dem Klavier; mit der Präzision von Handkantenschlägen fliegen einem die Akkorde, Basslinien, Rhythmuswechsel um die Ohren. Man möchte sich wegducken und ist doch fasziniert. Bei solch überschäumendem Temperament und virtuosem Powerplay bleibt einem schon mal die Luft weg, dabei sucht Hiromi nur das Feedback ihrer Hörer hervorzukitzeln. „Jeder Künstler steckt alle Energie in sein Tun“, sagt sie. „Die ist umso größer, wenn man liebt, was man tut, und es anderen weitergeben will. Das Publikum spürt die Energie, reagiert darauf und sendet sie verstärkt zur Bühne zurück.“

Doch so sehr sie auch die Energie beschwört, so freimütig sie als Inspirationsquelle Spitzensportler anführt, man würde Hiromi nicht gerecht, wollte man sie in sportlichen Kategorien beschreiben. Schneller, höher, weiter – das ist nicht ihr Ding. Natürlich nennt sie vor allem Musiker als Einfluss – und greift dazu in diverse Schubladen der Musikgeschichte: „Ich liebe Bach und Oscar Peterson, Franz Liszt und Ahmad Jamal, aber ich liebe auch Sly and the Family Stone, Dream Theatre und King Crimson.“ Ihre Musik gleicht denn auch einem Parforceritt durch Stimmungen und Stile, der sich aber stets zu einem schlüssigen Ganzen fügt. Darin ist auch für zarte, poetische Stimmungen Platz, und wenn Hiromi Balladen spielt, weiß sie zu berühren, dass einem das Herz aufgeht.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2016