Joachim Kühn

Fußspuren auf dem Mond

Zu seinem 75. Geburtstag gönnt sich der großartige Jazzpianist Joachim Kühn einen nostalgisch gefärbten  „harmolodischen“ Rückblick auf seine langjährige und überaus fruchtbare Zusammenarbeit mit dem Freejazz-Pionier Ornette Coleman.  

Von Maxi Sickert

Foto: Austin Trevett

Wer Fußspuren hinterlässt, der bleibt nicht unsichtbar. Als der schwarze Schriftsteller Ralph Ellison 1952 seinen Roman „Invisible Man“ veröffentlichte, beschrieb er die Unsichtbarkeit eines schwarzen Amerikaners in einer weißen Welt. 1969 dokumentierte der Apollo 11-Astronaut Edwin Aldrin nach der ersten Mondlandung seine Fußspur auf der Oberfläche des Mondes, eine Schwarz-Weiß-Aufnahme eines Sohlenabdrucks. Gil Scott-Heron sang 1970 darüber, dass auf der Erde Schwarze in den USA in Armut leben würden, „but Whitey᾽s on the moon“. Ornette Coleman schrieb in dieser Zeit Songs mit Titeln wie „Space Jungle“, „Civilisation Day“, „Science Fiction“ und 1972 seine Suite „Skies Of America“. Sun Ra hatte bereits 1958 „Sun Ra Visits Planet Earth“ veröffentlicht und 1963 „Cosmic Tones For Mental Therapy“. Sichtbarkeit und gleichberechtigte Teilhabe wurden bei Ornette Coleman Teil seines musikalischen Ausdrucks, beschrieben durch sein musikalisches System der „Harmolodics“.

Das Gefühl der Unsichtbarkeit war auch die Erfahrung des jungen Pianisten Joachim Kühn, der, 1944 in Leipzig geboren, in der ummauerten DDR Aufnahmen unerhörter Freiheit eingespielt hatte und unter staatlicher Beobachtung stand. Er wurde gezwungen, seine Musik und seine Persönlichkeit zu verstecken, sich „unsichtbar“ zu machen. Die Sichtbarkeit wurde ihm erst 1966 durch die mit Hilfe Friedrich Guldas und seines älteren Bruders Rolf Kühn vorbereitete Flucht möglich. Eine Erfahrung, die seinen eigenen Freiheitsbegriff und musikalischen Ausdruck geprägt hat.

Im Interview erinnert er sich daran, wie sein Bruder Rolf ihm schon 1959 von einem Saxofonisten erzählt hatte, der ohne Harmonien spielte. Er habe sich gefragt, wie das möglich sei. 1961 habe ihm Rolf aus New York „This Is Our Music“ von Ornette Coleman mitgebracht. Diese Musik, das sei für ihn der Inbegriff absoluter Freiheit gewesen. Und nach seinem Auftritt auf den Berliner Jazztagen 1966 und der Reise nach New York 1967 mit einem Auftritt auf dem Newport Jazz Festival und der Aufnahme für Impulse! habe er in Paris 1968 diese Freiheit gespielt. Die Radikalität, die Wut, das Überschäumen der Studentenunruhen aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings und den Vietnamkrieg – übersetzt in Musik.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2019