Klassik-Kanon Folge 56: Richard Wagners »Parsifal«

Heilige und Hure

In diesem Sommer wird er 130: Wagners »Parsifal«, sein letztes und auch schwierigstes Werk. »Schwierig« nicht nur in ideologischer Hinsicht, sondern auch in seinen Anforderungen an die Interpreten. Unser Autor Thomas Voigt hat sich durch sämtliche derzeit verfügbaren Aufnahmen gearbeitet und die wichtigsten herausgestellt.

Foto: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath
<i>Foto: Bayreuther Festspiele GmbH/Enrico Nawrath</i>

Man könnte mit Wagners Senta sagen: »Der arme Mann!« Offenbar war die Eigentherapie mit dem »Tann ­häuser« nicht erfolgreich, und so musste Richard W. aus Dresden 30 Jahre später noch einmal das Thema angehen, das ihn offenbar so quälte: die scheinbare Unvereinbarkeit von seelischer und der körperlicher Lie ­be. Waren »Heilige« und »Hure« im »Tannhäuser« noch säuberlich in Elisabeth und Venus geschieden, so wurde der Fall im »Parsi ­fal« komplizierter: Kundry trägt beides in sich, aber eben nicht als harmonische Einheit, sondern auf schizophrene Weise. Sie dient als Verführerin bei Klingsor, dem »gefallenen Engel«, und als Büßerin bei den Gralsrittern. Wie Amfortas, der Gralskönig in »Parsifal«, litt Wagner an der Lust, doch gab es für ihn keine Erlösung – ein Konflikt, in den man sich zumindest hineindenken kann. Und die Kernaussage des Stückes lautet ja »Durch Mitleid zur Erkenntnis«. Doch die triviale Schwarz-Weiß-Ma ­lerei (Keuschheit ist gut, Lust böse) und die Theatra ­lisie ­rung christlicher Rituale (Glocken, Liturgie, Abendmahl) können einem die Lust auf Wagners »Bühnenweihfestspiel« gründ ­lich verleiden.

Sehr hilfreich zu lesen, wie Claude Debussy und Thomas Mann dem Werk begegneten: Debussy belächelte das Libretto und verehrte die Musik; Thomas Mann lenkte den Blick zur Figur der Kundry, »der stärksten, dichterisch kühnsten, die Wagner je konzipiert hat«. Beide Ansätze bieten einen guten (Neu-)Zugang zum Werk und seiner Interpretations ­ge ­schich ­te, die seit 70 Jahren auch in Form von Gesamtaufnahmen dokumentiert ist. Und eingedenk der Aussage Wag ­ners, dass er nach dem unsichtbaren Orchester in Bayreuth am liebsten auch das »unsichtbare Theater« erfunden hätte, scheint die Platte das ideale Medium zu sein, um sich dem Stück möglichst unvorbelastet zu nähern.

Schon früh sammelte Hans Knap­perts­busch Erfahrungen mit dem Parsifal – von 1909 bis 1912 als Assistent von Siegfried Wagner und Hans Richter. Erst 1951 dirigierte er das Werk selbst in Bayreuth. Von ihm sind mehrere Aufnahmen erhalten
<i>Schon früh sammelte Hans Knap­perts­busch Erfahrungen mit dem Parsifal – von 1909 bis 1912 als Assistent von Siegfried Wagner und Hans Richter. Erst 1951 dirigierte er das Werk selbst in Bayreuth. Von ihm sind mehrere Aufnahmen erhalten. (Foto: Festspiele Bayreuth/Lauterwasser)</i>

Beginnen wir mit dem zentralen Teil der »Par ­si ­fal«-Diskographie, den Aufnahmen aus Bay ­reuth – »zentral« nicht nur wegen der Anzahl der verfügbaren Dokumente, sondern auch wegen der Authentizität der Spiel ­stät ­te: Wagner hat sein letztes Werk für das »gedeckelte« Orchester in Bayreuth komponiert und verfügt, dass es in den 30 Jahren nach seinem Tod ausschließlich dort aufzuführen sei. Bis zu den ersten Bayreuther »Parsifal«-Aufnahmen vergingen weitere 14 Jahre: 1927 entstanden im Festspielhaus längere Szenen unter der Leitung von Karl Muck, der das Werk dort seit 1901 dirigiert hatte, 1928 folgte der fast komplette dritte Aufzug in Berlin. Muck war ein für damalige Zeiten »moderner« Dirigent: Wie Gustav Mahler verstand er unter »Tradition« Weitergabe des Feuers, nicht Anbe ­tung der Asche. Und so klingt sein »Par ­sifal«-Orchester ausgesprochen klar strukturiert und ­lyrisch.

Gesteigertes Pathos hört man eher beim (leider nicht allzu präzisen) Bayreuther Chor und stellenweise bei Ludwig Hofmann, dem Sänger des Gurnemanz. Als Parsifal liegt Gotthelf Pistor ganz auf der Linie des Dirigenten: kein Druck auf die Gefühlsdrüse, die Musik sprechen lassen. Ergänzt wird diese historisch bedeutende, klanglich erstklassig restaurierte Kollektion durch die Szene Gurnemanz-Parsifal »So ward es uns verhießen« mit Fritz Wolff, dem wunderbaren Alexander Kipnis und dem Bayreuther Festspielorchester unter Siegfried Wagner (1927). Abgesehen von zwei Szenen aus dem dritten Akt unter Richard Strauss – er dirigierte den schnellsten »Parsifal« der Fest ­spielgeschichte – scheinen aus der Zeit des »Dritten Reichs« keine Bayreuth-Dokumente über ­liefert zu sein.

Die erste vollständige Bayreuther »Parsifal«-Aufnahme markiert zugleich den Beginn einer neuen Ära: die Wieder ­eröff ­nung der Festspiele 1951, Beginn des »Neu-Bayreuth« der Wag ­ner-Enkel Wieland und Wolfgang. Es war ein historischer Glücksfall, die Kombination von Wielands revolutionärer Inszenierung, einer neuen, überaus persönlichkeitsstarken Sänger-Generation und eines Traditionalisten am Pult: Hans Knappertsbusch. Als Assistent Siegfried Wagners und Hans Richters hatte »Kna« von 1909 bis 1912 in Bay ­reuth gearbeitet, dort jedoch keine Aufführung dirigiert. Erst 1951 stand er am Pult des unsichtbaren Orchesters. Knappertsbusch und »Parsi ­fal«, das ist und bleibt eine kleine Welt für sich. Wohl haben seine legendären breiten Tempi manchen Sänger das Fürchten gelernt, doch im Gegensatz zu einigen Nachfolgern, namentlich James Levine, hatte »Kna« die Kraft, das Orchester konstant in Spannung zu halten und den ganz großen Bogen zu spannen.

Martha Mödl, die „Kundry aller Kundrys“ brillierte auf Knap­perts­buschs erster „Parsifal“-Aufnahme von 1951.  Als Am­fortas hier vertre­ten: der Bass­bariton George London (M.). (Foto: Profil)
<i>Martha Mödl, die „Kundry aller Kundrys“ brillierte auf Knap­perts­buschs erster „Parsifal“-Aufnahme von 1951. Als Am­fortas hier vertre­ten: der Bass­bariton George London (M.). (Foto: Profil)</i>

Mit Ausnahme des Jahres 1953 dirigierte er bis 1964 sämtliche Aufführungen des Werkes (insgesamt 55); fast aus jedem Jahr liegt ein Mitschnitt vor. Das Herzstück der »Parsifal«-Diskographie aber bilden die beiden kommerziellen Monta ­gen mehrerer Aufführungen: die Decca-Produktion von 1951 und das Stereo-Remake der Philips von 1962. Beide klingen für ihr Alter erstaunlich gut, beide sind hervorragend besetzt, wobei die frühe Variante dem Ideal noch näher kommt: Wolfgang Wind ­gassen gestaltet die Ent ­wicklung vom reinen Toren zum Erlöser mit flexibler Stim ­me und rhetorischer Intelli ­genz, George Lon ­don ist die Reinkarnation des leidenden Amfortas, Her ­mann Uhde die Idealbe ­setzung des Klingsor, Ludwig Weber (Gurnemanz) der klangliche Inbegriff menschlicher Wärme. Und man hört hier die Kundry aller Kundrys: Martha Mödl. »Keine wie Du!«, schrieb ihr Wieland Wagner als Widmung, und er sollte bis heute Recht behalten. Keine wie sie hat die ganze Skala der Gefühle, von mütterlicher Wärme über sinnliches Begehren bis zum »Schreien, To ­ben, Wüten, Rasen«, derart kompromiss ­los in Wort und Ton gesetzt. Ihre Nachfolgerin Irene Dalis (1962) ist dem sehr nahe gekommen.

Weitere Argumente für die Philips- Aufnahme sind die Persönlichkeit Hans Hotters (Gurnemanz) und die Stimm ­pracht von Martti Talvela (Titurel). Als Parsifal überzeugt mich Jess Thomas nicht so sehr wie Windgassen: Er klingt schon wissend, bevor er es durch Mit ­leid wird. Aber das ist nicht nur sein Pro ­b ­lem, sondern betrifft einige berühmte Parsifal-Darsteller; auch Ra ­mon Vinay (1953-56) und Jon Vickers, der Prota ­gonist in Knappertsbuschs letzter Bay ­reuther Aufführung (1964) lassen den Naturburschen-Anteil vermissen, den man bei Windgassen und auch bei Hans Beirer hört. Beirer wiederum verlässt sich mehr auf sein tolles Stimmmaterial als dass er die Ent ­wick ­lung vom Toren zum Erlöser gestaltet. Seine attraktive Partnerin ist Régine Crespin. Das »Clair-obscur«-Bild, das sie von der Kundry zeichnet, steht im starken Kontrast zum Farbenreich-tum der Mödl. Überhaupt schien Wieland Wagner bei aller Knappertsbusch-Kon ­stanz immer wieder um Ab ­wechs-lung und Kontraste bemüht. So holte er, nach ­dem er sich mit »Kna« verkracht hatte, 1953 dessen Antipoden Cle ­mens Krauss nach Bay ­reuth. Krauss´ Lesart steht ganz in der Nachfolge seines Men ­tors Ri ­chard Strauss: zügig und klar, teilweise auch eine Spur zu nüchtern.

Pierre Boulez, »Parsifal«-Di ­ri ­gent in den Jahren 1966-70, war schon »ideologisch« der Gegenpol zu Knapperts ­busch: Seine Tempi sind so straff, dass sein »Parsifal« ungekürzt auf drei CDs passt (insgesamt 219 Minuten gegenüber 250 bei Kna im Jahr 1962). Im bewegt-dramatischen Kundry-Akt fällt das weniger auf als in den Eck-Akten, vor allem wenn es um »feierliche Stim ­mung« geht. So mag Boulez´ Wieder ­gabe des »Abendmahl«-Rituals auf Hö ­rer, die die Klangbögen der Knap ­perts ­busch-Kathedralen im Ohr haben, wie ein zu schnell laufender Film wirken – oder, überspitzt gesagt, wie eine Remi ­niszenz an die Wagner-Parodien von Fauré und Chabrier. Dennoch hat die DG-Produktion von 1970 starke Mo ­men ­te, auch dank der großartigen Leis ­tungen von Franz Crass (Gurne ­manz), Thomas Stewart (Amfortas) und James King (Parsifal). Schade, dass anstelle von Gwyneth Jones nicht Christa Ludwig zu hören ist, die Kundry von 1967. Der Mit ­schnitt von Boulez´ Bay ­reuth-Debüt (1966) kommt weder klang ­technisch noch sängerisch als Alternative in Frage: Astrid Varnay und Josef Greindl klingen wie Brünnhilde und Hagen im falschen Stück. Schade um den »italienischen« Parsifal von Sándor Kónya, der noch eindrucksvoller wäre, wenn er auf seine Puccini-Schluchzer verzichtet hätte.

Nach kapellmeisterlich kompetenten Aufführungen unter Eugen Jochum und Horst Stein (die 1981er-Aufführung gibt es auf DVD) begann mit dem »Jahr ­hun ­dert-Parsifal« 1982 ein neues Kapi ­tel in der Interpretationsgeschichte. Man könnte es uncharmant als »Die bleierne Zeit« bezeichnen, was James Levine seinen Sängern und Zuhörern zumutete. Das Wieder ­hören mit seinen Live- und Studio-Aufnahmen bestätigt die Erinnerung an »Längen, gefährliche Längen«, der große Spannungsbogen hängt immer wieder durch.

Die Aufzeichnung von Wolfgang Wagners letzter Inszenierung (Unitel 1998) ist vor allem wegen der Lesart von Giuseppe Sinopoli interessant. Was bei seinen Strauss-Aufnahmen oft nerven kann, nämlich das Herausstellen der Ne ­ben ­stimmenstruktur zu Lasten von melodischer Linie und Misch ­klang, hat beim »Parsifal« zum Teil faszinierende Wir ­kung und erscheint als gutes Mittel gegen Weihrauch und falsches Pathos. Im Sänger-Ensemble dominiert Hans Sotin als Gurnemanz, der sich in dieser Rolle in Bayreuth über 25 Jahre hinweg kons-tant entwickelte. Wenn mir trotzdem die alte Wolfgang-Wagner-Version von 1981 lieber ist, dann wegen Sotins Part ­ner: Siegfried Jerusalem, Eva Randová und Bernd Weikl sind vokal differenzierter und darstellerisch glaubwürdiger als ihre Nachfolger bei Sinopoli. Da die mediale Auswertung der Produktionen von Christoph Schlingensief/Pierre Boulez (2004) und Stefan Herheim/Daniele Gatti (seit 2008) noch aussteht, endet die Chronik der Bayreuther »Parsifal«-Auffüh ­rungen vorerst mit der traditionellen Sicht Wolfgang Wagners – und einer gut gemeinten Note: Entgegen den Anweisungen des Komponisten sinkt Kundry bei Wolfgang Wagner nicht »entseelt zu Boden«, sondern vollzieht mit Parsifal das Er ­lösungsritual.

<i>In einer sehr prominenten Besetzung kam Wagners Vermächtniswerk im Festspielhaus in Baden-Baden heraus.

Unter den Aufnahmen des »Parsifal«, die außerhalb Bayreuths entstanden, gibt es keine einzige, die den Knappertsbusch-Exegesen ernsthaft Konkurrenz machen könnte. Der Aus ­nah ­me ­rang von »Bayreuth 1951« wird einmal mehr bestätigt, wenn man danach die Kombination Mödl/Windgassen im Mitschnitt eines Stuttgart-Gastspiels in Paris unter Ferdinand Leitner hört (Profil 1954). Die frühen Rundfunk-Produktionen mit Mödl und Bernd Aldenhoff (NWDR 1949) sowie die flotte italienische Variante mit Maria Callas und Boris Christoff (RAI Roma 1950) sind in erster Linie Dokumente großer Sänger. Im Scala-Mitschnitt von 1960, den ich schon wegen Sándor Kónya, Rita Gorr und André Cluytens nicht missen möchte, singt Christoff auf Deutsch – und kompensiert holprige Diktion durch Stimme und Persönlichkeit. Als erste Blume ist übrigens Montserrat Caballé zu hören.

Die Met-Mitschnitte bieten meist große Stimmen (Flag ­stad/Melchior), doch selten Momente der Verinnerlichung. Solche hört man eher in der Londoner Aufnahme unter Rudolf Kempe (Testament 1958), sowohl im Orchester als auch bei den eindringlichen Rollenporträts von Gottlob Frick (Gurne ­manz), Eberhard Wächter (Amfortas) und Karl Liebl (Parsi ­fal); doch für eine derart schlechte Klangqualität 60 Euro zu verlangen ist schlichtweg eine Unverschämtheit. Die spätere Londoner Aufführung (ROH 1971) ist trotz Jon Vickers keine echte Alternative: Die Blechfraktion war offenbar indisponiert, und die Zeitlupen-Lesart von Reginald Goodall stellt die Geduld eines unerfahrenen Hörers auf eine harte Probe. Letzteres gilt auch für Goodalls Studioaufnahme (EMI 1984). Von der Papierform her hätte der Mitschnitt von Karajans Wiener Produktion (RCA 1961) Bayreuth durchaus Paroli bieten können. Doch welch schlechte Klangbalance in der ORF-Aufnahme, welche Wackelkontakte zwischen Bühne und Orchester! Und wie unsinnig war Karajans Idee, die Partie der Kundry aufzuteilen: Elisabeth Höngen als Büßerin, Christa Ludwig als Verführerin. Die Titelpartie klingt bei Fritz Uhl auf Dauer zu gleichförmig; doch mit dem Ehepaar Ludwig-Berry und dem kostbarsten Blumen-Bouquet aller Zeiten (Janowitz, Güden, Rothenberger) ist dieser »Parsifal« zumindest ein Fest für Sängerliebhaber.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2012