Arvo Pärt

In die Zeit gelauscht

Er zählt zu den bekanntesten Komponisten der Gegenwart, Arvo Pärt. Im September feiert der gebürtige Este, der unlängst mit dem „Praemium Imperiale“ ausgezeichnet wurde, seinen 80. Geburtstag. In Tallinn gelang es Marco Frei, mit dem redescheuen Komponisten zu sprechen – ganz spontan.

Foto: Kaupo Kikkas/ECM
Foto: Kaupo Kikkas/ECM

Tallinn, August 2014. In der estnischen Hauptstadt, der Heimat von Arvo Pärt, steigen erste Proben zu „Adam’s Passion“. Auch die Presse ist vertreten. Denn es ist das erste gemeinsame Projekt von dem Regisseur Robert Wilson und dem Komponisten, die Weltpremiere war jetzt im Mai. In „Adam’s Passion“ werden drei zentrale Werke Pärts zu einer Art Handlung verdichtet. Es beginnt mit „Adam’s Lament“ von 2009 für Chor und Streichorchester. Hier verliert der Mensch die „große Perspektive“ aus dem Blick. Die Lösung folgt im Violin-Doppelkonzert „Tabula rasa“ mit präpariertem Klavier von 1977.
„Miserere“ von 1989/92 für Chor, Solisten, Ensemble und Orgel fungiert als finales, läuterndes Gebet. Zudem hat Pärt eine kurze „Sequentiae“ neu komponiert, als Introduktion. Auf den Proben sind Fotos und O-Töne tabu, nur kurz darf man ’reinschnuppern, was die Arbeit nicht gerade erleichtert. Noch dazu hieß es schon im Vorfeld, dass ein Gespräch mit Pärt mit „höchster Wahrscheinlichkeit“ nicht möglich sei. Der scheue, schweigsame Komponist führe keine Interviews mehr. Mit einer sympathischen deutschen Radio-Kollegin bildet man eine Art Leidensgemeinschaft.
Wir sitzen direkt an der Ostsee, eine Bar auf einem ehemaligen Fabrikgelände nördlich des Stadtviertels Kalamaja, wo „Adam’s Passion“ geprobt und uraufgeführt wird. Essen und Trinken, bei Frust tut das immer gut. Es fängt zu regnen an, wir setzen uns rein. Plötzlich huscht eine hochgewachsene, schmale Gestalt ins Lokal – mit Bart und zerknittertem Trenchcoat. Es ist Pärt. Er bestellt etwas, schmatzt genussvoll. „Sie müssen leider diese Geräusche erdulden“, sagt er vergnügt in exzellentem Deutsch und gibt uns für ein spontanes Gespräch ganze 40 Minuten. Wir haben großes Glück. Allerdings brauchen wir diese Zeit, weil Pärt ganz langsam spricht – quasi-minimalistisch, wie seine Musik.

Robert Wilson betont, dass er von Ihrer Musik sofort gefangen war, als er sie erstmals hörte. Viele erkennen zwischen Ihnen eine tiefe Verwandtschaft. Erleben Sie das auch so?
Man kann darüber plaudern, aber wie es wirklich ist, werden wir mit diesem ersten gemeinsamen Projekt sehen. Es wächst und wächst. Das ist ein schöpferischer Prozess. Ich selbst habe von Wilson einige Projekte und Arbeiten im Fernsehen gesehen, aber nie einen ganzen Abend auf der Bühne. Wenn es keine Verwandtschaft zwischen uns gäbe, hätte er das jetzige Projekt wohl nicht gemacht. Und ich war auch nicht dagegen. So einfach ist es.

Es dauert ein Weilchen, bis sich Pärt freispricht. Tatsächlich inszeniert Wilson das Projekt auf einem schmalen Laufsteg, der weit in den Zuschauerraum reicht. Auf ihm bewegt sich der Mensch in langsamer, stiller Aktion. Eine große Lichtbox schließt die Bühne hinten ab. Mimik, Gestik und Licht sind die zentralen Elemente in Wilsons „Theatre of Vision“. Zu dieser Reduktion passt Pärts quasi-religiöse, meditativ-spirituelle, schlichte Musik ganz vortrefflich. Davon kann man sich selbst überzeugen, wenn jetzt im Herbst bei Accentus eine DVD zu „Adam’s Passion“ erscheint – samt Ausstrahlung auf „Arte“ zum 80. Geburtstag von Pärt im September.

Mit „Tabula rasa“ von 1977, „Miserere“ von 1989/92 und „Adam’s Lament“ von 2009 wurden für „Adam’s Passion“ drei Werke vereint, die für Sie zentral sind. Wie hören Sie die Stücke heute?
Wenn ich die Werke jetzt höre, bei den Proben, erkenne ich schon eine Art Verwandtschaft zwischen ihnen. Sie sind jetzt wie eine Geschichte zusammengefasst, „Adam’s Passion“ eben – nicht mehr und nicht weniger.

Die Antwort erstaunt, denn immerhin markierten die Jahre 1976/77 einen gravierenden Einschnitt im Leben Pärts. Er steckte in einer tiefen Schaffenskrise. Acht lange Jahre hatte er keine einzige Note komponiert. Bis zur Krise waren seine Werke dezidiert avantgardistisch. Nach Studien bei Heino Eller in Tallinn avancierte er im kommunistischen Ostblock zu einem radikalen Avantgardisten. Pärt experimentierte mit Klangflächen und Collagentechniken, integrierte den Zufall. Mit „Nekrolog“ legte er 1960 das erste baltische Zwölfton-Werk vor.
Bald wurden westliche Avantgardisten auf Pärt aufmerksam. Im Ostblock aber wurde er der „westlichen Dekadenz“ bezichtigt. 1976/77 meldet sich Pärt nach der Krise zurück – mit dem sogenannten „Tintinnabuli“-Stil, dem Glöckchen-Stil, bei dem einfachste tonale Melodien von den Tönen eines einzigen Dreiklangs umrankt werden. Lange, kontemplative Haltenoten prägen fortan sein Schaffen, womit er nicht zuletzt die Alte Musik und die russisch-orthodoxe Kirchentradition reflektiert. Und das alles soll keine Rolle spielen? Unmöglich, wir haken nach. Endlich beginnt es zu sprudeln – allmählich, zögerlich.

Ist es wirklich so einfach, Herr Pärt? „Tabula rasa“ steht für einen schöpferischen Neubeginn in Ihrem Leben. Sie haben zu einer Art „neuen tonalen Einfachheit“ gefunden. Inwieweit war dies das Ergebnis einer Krise?
Nun ja, es war symbolisch ein Reifungsprozess. Das Ergebnis war die Frucht dessen. Ja, es stimmt – ich habe eine lange Pause gemacht, in der nichts passiert ist. So wie bei unserem jetzigen Projekt. Vielleicht gibt es keine große Bewegung auf der Bühne, alles scheint zu stehen, vollzieht sich langsam. Aber es lebt. Es hat ein inneres Leben, eine Spannung. Jede Aufführung wird demzufolge auch anders sein, glaube ich. Man muss sich immer wieder neu entdecken und überwinden. Die Zeit ist immer unterschiedlich, bei jeder Aufführung. Und diese Art Reifungsprozess geschah auch vor 1976. Danach sind viele verschiedene Früchte gleichzeitig gereift und konnten geerntet werden. In diesem Sinn war es natürlich eine besondere Zeit, weil ich zuvor für viele Jahre kein Werk komponiert habe – und dann plötzlich in einem Jahr vielleicht 20.

Waren die langen Krisenjahre eine schmerzliche, dunkle Zeit?
Es war eine hoffnungslose und zugleich eine hoffnungsvolle Zeit, sehr stark in beiden Ausprägungen.

Hätten Sie das Komponieren fast aufgegeben?
Das nicht. Aber meine Frau hatte ungefähr einen solchen Eindruck.

Inwieweit prägte diese Zeit Ihr nachfolgendes Schaffen?
Bei einer solchen Art von Überwindung lernt man, dass nicht immer die Sonne scheint. Das ist eine Erfahrung, die für das ganze Leben hilft. Es sind nicht die bloßen Worte, die einem von Lehrern gesagt werden, sondern es kommt aus einem selbst. Und dann bleibt es als Erfahrung.

Zwei (drei) Komponisten im Gespräch: Phil Glass (l.), Arvo Pärt (r.). Der Dirigent Dennis Russell Davis schickte uns dieses Foto. Foto: PR
Zwei (drei) Komponisten im Gespräch: Phil Glass (l.), Arvo Pärt (r.). Der Dirigent Dennis Russell Davis schickte uns dieses Foto. Foto: PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe September 2015