Frauenquote

Die gläserne Decke

Braucht die Klassik eine Frauenquote? Was überall in der Gesellschaft heiß diskutiert wird, ist längst auch Thema in der Musikwelt. Woran liegt es, dass die wichtigen Positionen heutzutage noch immer vorwiegend in den Händen von Männern liegen? Und was können Frauen tun, um ihre eigene Karriere voranzutreiben? Frauen in der Klassik – ein Debattenbeitrag von Julia Spinola.

Bei ihrem Versuch, einen neuen Chefdirigenten zu finden, sind die Berliner Philharmoniker erst einmal gescheitert. Die Entscheidung wurde vertagt. Rund um den lang erwarteten Tag der Wahl aber herrschte unter den Musikjournalisten eine Aufregung wie schon lange nicht mehr. Zunehmend längere Kandidatenlisten wurden erstellt, kaum ein großer Name blieb undiskutiert. Eine Frau freilich war nicht darunter. Die bloße Vorstellung, dass dieses Weltklasseorchester sich eine Dirigentin an seine Spitze wählen könnte, erschien selbst den verwegensten Kaffeesatzlesern als ein ausgemachtes Ding der Unmöglichkeit. Vor der Jesus-Christus-Kirche in Dahlem, wo man sich am 11. Mai in vergeblicher Erwartung einer Entscheidung die Beine in den Bauch stand, war dies höchstens einer der Running Gags, mit denen man sich die Zeit vertrieb.

Warum ist der Gedanke an eine Rattle-Nachfolgerin so abwegig? Die Antwort scheint auf den ersten Blick sehr einfach: Für diesen Posten kommen nur die Weltbesten in Frage. Und in dieser Qualitätsliga taucht eben bis heute keine Frau auf. Sei es, dass ein solches Talent noch nicht existiert, sei es, dass man ihm keine Chance gibt. Von den 969 beschäftigten Dirigenten, die das Deutsche Musikinformationszentrum im Jahr 2013 zählte, waren immerhin 27 Prozent Frauen. Doch hochrangige Positionen waren und sind bis heute kaum darunter. Die Anzahl der Generalmusikdirektorinnen in Deutschland pegelt sich seit 2003 beharrlich auf ganze zwei bis vier Alibistellen ein. Catherine Rückwardt war in ihren Jahren in Mainz sehr erfolgreich, Romely Pfund in Remscheid/Solingen, bis sich beide von ihren Positionen zurückzogen. Seit der Verpflichtung der jungen Joana Mallwitz ans Theater Erfurt zu Beginn dieser Spielzeit gibt es neben Karen Kamensek in Hannover und Simone Young in Hamburg hierzulande derzeit gerade mal drei weiblich besetzte GMD-Posten.

International sieht es nicht besser aus. Ein Star der Branche ist die amerikanische Dirigentin Marin Alsop, die mit dem Baltimore Symphony Orchestra als erste Frau in der Geschichte ein großes US-amerikanisches Orchester leitet und bereits bei namhaften europäischen Orchestern gastierte, wie dem Concertgebouworkest in Amsterdam, den beiden großen Londoner Orchestern, dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks oder dem Tonhalle Orchester Zürich. Auch die finnische Dirigentin Susanna Mälkki schickt sich derzeit an, als designierte neue Chefin des Helsinki Philharmonic Orchestra eine internationale Karriere zu machen. Neben Emmanuelle Haïm und Simone Young ist sie auch die einzige Dirigentin, die das Berliner Philharmonische Orchester in jüngerer Zeit an ihr Pult gelassen hat. 1978 hatte die Schweizer Dirigentin und ehemalige Karajan-Meisterschülerin Sylvia Caduff als erste Frau an diesem Pult den Bann gebrochen. Und doch haftet all diesen Dirigentinnen immer noch die Aura des Exotischen an. Kein anderer Musikerberuf ist so nachhaltig männlich konnotiert wie der des Dirigenten. Der Mythos des herrischen Orchesterbezwingers spukt nach wie vor durch die Köpfe, gerade so, als hätte es den Paradigmenwechsel, der sich in dieser Profession innerhalb der letzten zwei Jahrzehnte vollzogen hat, nie gegeben. Auch das machte die nicht aufgelöste Nachfolgediskussion bei den Berliner Philharmonikern nun deutlich sichtbar.

Simon Rattle hat den bereits von Claudio Abbado eingeleiteten Prozess einer auch geistigen Verjüngung, Demokratisierung und Öffnung des Orchesters konsequent vorangetrieben und so phantasievoll wie überraschend weitergedacht. Das hat nicht allen gefallen. Nun wurde die Spaltung des Orchesters in dieser Grundsatzfrage offenkundig. Ein Richtungsstreit tobt zwischen jenen Orchestermitgliedern, die sich nach dem Nimbus eines Maestros alter Schule zurücksehnen, wie ihn noch Daniel Barenboim oder Mariss Jansons verkörpern, und jenen, die sich vorstellen können, mit einem jungen, aber noch unerfahrenen Sensationstalent den Weg in eine noch offene Zukunft zu wagen. Dirigentinnen kommen zwangsläufig aus einer anderen Tradition, die quer steht zu den autoritären Strukturen sinfonischer Zuchtmeister. Sie setzen stärker auf Kollegialität, auf Solidarität und auf Überzeugungskraft, wie sie in Chören und in den Spezialensembles für Alte oder für Neue Musik erforderlich sind. Frauen gelten als kommunikativer, vor einem Sinfonieorchester jedoch brauchen sie auch Strategien, um sich durchzusetzen. Für weibliche Führungsstile gibt es jedoch noch keine verlässlichen Vorbilder.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juli 2015