Musikerambulanz

Wenn Musizieren krank macht

Musikermedizin und Musikergesundheit sind längst wichtige Themen an deutschen Musikhochschulen. Auch einzelne Krankenhäuser setzen verstärkt auf medizinische Angebote für Musiker. Die Ärzte und Therapeuten dort sind nicht selten selbst studierte Musiker, kennen also die Probleme ihrer Patienten. Die Musikerambulanz am Universitätsklinikum Düsseldorf, 2011 eröffnet, arbeitet von Anfang an überaus eng und interdisziplinär mit den anderen Fachabteilungen der Uniklinik zusammen. Ihr Koordinator Wolfram Goertz, den FONO-FORUM-Leser von seiner regelmäßigen Kolumne „Wolframs Wartburg“ kennen, hat ebenfalls Musik und Medizin studiert. Er beschreibt hier einige typische Fälle.

Foto: Universitätsklinik Düsseldorf
Foto: Universitätsklinik Düsseldorf

Fall 1: Die Angst vor dem fallenden Bogen

Instrument: Bratsche  •  Geschlecht: Weiblich  •  Alter: 29 Jahre  •  Diagnose: Panikattacken

Esther Mitzlinger (alle Namen von der Redaktion geändert) ist 29 Jahre alt und spielt als Bratscherin in einem Streichquartett. Trotzdem empfindet sie ihren Beruf seit einiger Zeit als belastend, denn nie wisse sie, wie sie psychisch über den Abend komme. Manchmal werde ihr seltsam, ja mulmig, der Schultergürtel verkrampfe. Sie habe Angst, dass ihr ein Bogenwechsel misslingt; dass sie kein Pianissimo an der Bogenspitze ansetzen kann; dass der Bogen zu zittern beginnt; dass alle entsetzt auf sie starren. Ihr Herz rase dann, ihr sei dabei auch leicht schwindlig. Sie habe das Gefühl, sie stehe neben sich, und die Umgebung verschwimme. Am liebsten möchte sie dann, auch aus Angst vor Kontrollverlust, flüchten und nie mehr eine Bühne betreten. Da dies unmöglich sei, behelfe sie sich bei Konzerten mit einem Betablocker.

In der Musikerambulanz berichtet Frau Mitzlinger, wie entsetzlich sie sich in solchen Momenten fühle. Zwar sei noch nie etwas passiert, aber das könne jederzeit eintreten. Sie hasse es, dass sie sich eine solche Blöße gebe; das habe sicher auch etwas mit ihrem musikalischen Perfektionismus zu tun. Gottlob hat noch keiner ihrer – männlichen – Kollegen jemals etwas von ihren Problemen mitbekommen.

Wir informieren Frau Mitzlinger, woran sie vermutlich leidet: an Panikattacken. Wir beschreiben, wie sie entstehen und welche physiologischen Prozesse ablaufen – als Eskalation des vegetativen Nervensystems mit einer autonomen Angst- und Fluchtreaktion. Zuvor jedoch denken wir differenzialdiagnostisch an andere Krankheiten. Deshalb wurde die Patientin kardiologisch und endokrinologisch untersucht, etwa auf eine Fehlfunktion der Schilddrüse oder eine Entgleisung im Elektrolyt- oder im Vitamin-B-Haushalt.

Frau Mitzlinger bestätigt, dass sie auch schon an Panikattacken gedacht und darüber gelesen habe. Aber es gelinge ihr nicht, das Gespenst abzuschütteln. Die Behandlung setzt mit einer umfangreichen Aufklärung ein. Ihre Symptome seien typisch für Panikattacken, vor allem die Depersonalisation („neben sich stehen“) und Derealisation (Fehlwahrnehmung der Umwelt).

Noch in der Musikerambulanz simulieren wir gemeinsam eine Panikattacke und fordern die Patientin auf, ihre Symptome genau wahrzunehmen und zu schildern, aber nicht emotional zu bewerten. Sie könne lernen, eine Panikattacke mit kühlem Kopf auszuhalten – in dem Wissen, dass sie sich unangenehm anfühle, aber nichts geschehen könne.

Wir ziehen einen Oberarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin hinzu, der sich um Frau Mitzlinger kümmern will – im Rahmen einer kognitiven Verhaltenstherapie. Die Patientin informiert ihre Quartett-Kollegen, die einfühlsam reagieren: Falls es zu einem Bogenzittern in der Bratsche komme, sei das unerheblich. Sie hätten dieses Problem alle schon einmal. Zur Not würden die drei Kollegen sie persönlich von der Bühne tragen. Aus therapeutischen Gründen beschließen wir gemeinsam, dass die Patientin kein Konzert absagt, sondern ein Symptomtagebuch führt.

Fall 2: Enge im Hals

Instrument: Stimme  •  Geschlecht: Weiblich  •  Alter: 19 Jahre  •  Diagnose: Dysphonie

Julia Ansorge (19) steht kurz vor dem Abitur und will danach Jazzgesang studieren. Sie habe mal ein paar Unterrichtsstunden bekommen, sich aber bis jetzt auf ihre Naturstimme verlassen. Seit einigen Wochen habe sie jedoch heftige Probleme beim Singen. Sie sei fortwährend heiser, die Produktion von Vokalen funktioniere nicht mehr richtig, ein HNO-Arzt habe eine Unregelmäßigkeit beim Schluss der Stimmlippen festgestellt. Dies alles habe sicherlich damit zu tun, dass sie in jüngster Zeit viele Auftritte gehabt habe, bei denen sie gegen ihre laute Band heftig habe ansingen müssen.

Die Untersuchung in der Musikerambulanz zeigt einen typischen Fall von gesangspädagogischen Defiziten: ausdrucksvolle Stimme mit charakteristischem Soul-Timbre, aber deutlich überlüftet; Brüche in den Registerwechseln; reflektorische Atmung unzureichend, Zwerchfell und untere Rippenmuskulatur sind kaum aktiviert, Stütze sackt regelmäßig weg, zu viel Druck auf der Halsmuskulatur, Kehlkopf nicht elastisch tiefgestellt. Die Frage, ob sie über Verspannungen im Schulter-und Nackenbereich klage, bejaht die junge Patientin heftig.

Ein gut zu behandelnder Fall: Wir verordneten eine mehrwöchige Stimmpause sowie eine ausgiebige Physiotherapie und verwiesen die Patientin an eine erfahrene Gesangslehrerin.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Juni 2015