Tinnitus

Ich höre was, was du nicht hörst …

Albtraum Tinnitus: Ständige Störgeräusche im Ohr können einem das Leben zur Hölle machen. Für professionelle Musiker kann ein Tinnitus sogar das berufliche Aus bedeuten. Doch es gibt Linderungsmöglichkeiten – auch dank der Musik. Julia Hartel über ein Phänomen und neue Therapieansätze.

Beethoven hatte einen, Schumann hatte einen, Smetana ebenfalls – doch waren diese Köpfe nicht die ersten und auch nicht die letzten, in denen er herumschwirrte: der Tinnitus. Dabei ist Tinnitus ein Geräusch – ein Rauschen, Summen, Klingeln, Piepen oder Pfeifen, manchmal gar eine Mischung aus allem –, das im Gehirn entsteht, objektiv betrachtet aber gar nicht existiert. Außerdem ist es absolut individuell: Kein Tinnitus gleicht dem anderen in Klang und Lautstärke. »Irgendwie faszinierend«, mag man als Außenstehender über das Phänomen denken; »lästig bis quälend« finden es Betroffene.

Auslöser für einen Tinnitus – der übrigens nicht als eigenständige Krankheit gilt, sondern als Symptom bzw. Syndrom – sind meist Lärm oder Stress. Das Fatale dabei: Der Tinnitus selbst verursacht seinerseits wiederum Stress. Einen so massiven mitunter, dass manche Patienten in Schlafstörungen, Angstzustände oder Depressionen hineingeraten. Entsprechend groß ist die Bandbreite von Therapiekonzepten, die Linderung verschaffen sollen. In vielen von ihnen spielt das Medium Musik eine Rolle.

Die wohl neueste Behandlungsmethode setzt auf die Verwendung von »gefilterter Musik« (»notched music«): Aus Musikstücken wird diejenige Frequenz herausgeschnitten, die der jeweiligen Tinnitus-Frequenz des Patienten entspricht. Hört er diese »maßgeschneiderte« Musik über einen längeren Zeitraum regelmäßig, nimmt er seinen Tinnitus als weniger laut und weniger störend wahr. Die Idee dazu stammt von Christo Pantev und seinem Team vom Institut für Biomagnetismus und Biosignalanalyse (IBB) an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Die Forscher möchten, wie der Professor erläutert, ihre in den letzten Jahren gewonnenen »elektrophysiologischen Befunde über das menschliche Gehirn in die Praxis umsetzen«. Die Wirkungsweise von »notched music« kann man sich laut Pantev folgendermaßen vorstellen: »Diejenigen Neuronen im Hörkortex, die den Tinnitus verursachen, sind hyperaktiv. Wenn wir aus Musikstücken die entsprechenden Frequenzen herausfiltern, wird diesen Neuronen beim Anhören keine weitere Energie zugeführt. Gleichzeitig aber sind die benachbarten Neuronen aktiv, die die hyperaktiven Neuronen in ihrer Aktivität hemmen.« Dass dadurch der Tinnitus als leiser wahrgenommen wird, konnte schon in einer ersten Studie festgestellt werden, deren Ergebnisse 2009 veröffentlicht wurden.

Aktuell läuft eine weitere Studie, die dazu dienen soll, die Wirksamkeit des Therapiekonzepts zu verbessern. Bisher ist es nämlich nur für Patienten unter 70 Jahren geeignet, deren Tinnitus wie ein reines Pfeifen oder Piepen klingt und nicht über 8.000 Hz liegt. Die Probanden werden gebeten, ihre zehn Lieblings-CDs zur Verfügung zu stellen; aus den Liedern oder Stücken filtern Toningenieure dann mittels Computer die um die jeweilige Frequenz liegende Oktave heraus. Mit iPod und den geeigneten Kopfhörern ausgerüstet, hören die Patienten ihre individuell gefertigte Musik anschließend je zwei Stunden täglich zu Hause an. »Wir versprechen durch diese Methode keine Heilung«, betont Pantev, »aber viele Teilnehmer berichten von einer Besserung.« Dass dies keine Einbildung sein kann, konnte in der ersten Studie bereits mit Hilfe von Magnetenzephalographie nachgewiesen werden: Die »notched music«-Hörer wiesen gegenüber den Probanden, die nicht modifizierte Musik konsumiert hatten (also ein Placebo) eine eindeutig herabgesetzte Hirnaktivität auf.

Interessanterweise sind gerade Menschen, die viel musizieren, häufig von Tinnitus betroffen. So auch der heute pensionierte Lehrer Hans Berger (Name geändert), der an einem Gymnasium Musik unterrichtet sowie Klavier und Cello gespielt hatte. Er erlitt infolge von Stress und der hohen Geräuschbelastung durch die vielen Musikstunden mehrere Hörstürze und behielt einen Tinnitus zurück, der aus drei Komponenten bestand: »Ich nahm ein gleichmäßiges Rauschen, ein hohes, zischendes Pfeifen unterschiedlicher Intensität und ein in kurzen Abständen auftretendes Zwei-Ton-Pfeifen wahr, im Intervall ähnlich einem Martinshorn. Vor allem diese dritte Komponente belastete mich enorm und ließ mich nicht mehr schlafen«, erinnert er sich. Aufgrund von damit einhergehender Hyperakusis, einer Überempfindlichkeit gegenüber lauteren Geräuschen, konnte er auch nicht mehr musizieren: »Das empfand ich als besonders schlimm.« Zur Schlaflosigkeit kamen mit der Zeit Panikattacken und eine Angststörung hinzu. Eine ganz besondere Art von Musik konnte Hans Berger schließlich – unter anderem – helfen: Vogelgesang. In der privaten Gemeinschaftspraxis von Dr. Birgit Zenner und Dr. Regina Leuchtweis in Tübingen unterzog er sich einer Kognitiven Verhaltenstherapie. Hier eignete er sich Techniken an, wie er seine Aufmerksamkeit, die bisher ganz auf den Tinnitus fokussiert gewesen war, gezielt auf Geräusche in seiner Umgebung lenken und dieses Zuhören mit Tätigkeiten verbinden konnte. »Ich lernte, Vogelarten an ihrem Gesang zu erkennen, und notierte mir auf Spaziergängen, welche Vögel ich hörte. Um die Hyperakusis abzubauen, setzte ich mich dem Lärm an einer Großbaustelle aus, notierte den Baufortschritt und sprach mit den Bauarbeitern.«

»Bei der Kognitiven Verhaltenstherapie nach Prof. Kröner-Herwig nutzen wir quasi einen Nachteil unseres Gehirns aus, nämlich die Tatsache, dass dessen Aufmerksamkeitskapazität begrenzt ist«, erläutert Dr. Zenner, in deren Praxis übrigens auch schon ergänzend die Behandlung mit »notched music« angeboten wird. »Wir helfen dem Patienten dabei, sich statt auf den Tinnitus auf andere, positiv besetzte Dinge zu konzentrieren. Dazu sind alle fünf Sinne einsetzbar; auch angenehme Musik, mit der ein sonst stiller Raum angereichert wird, kann hier eine Möglichkeit sein.« Zur Kognitiven Verhaltenstherapie gehören auch noch weitere Elemente wie Stressabbautraining, im Falle von Hans Berger Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen. Durch die zwölf Sitzungen im wöchentlichen Abstand begann es ihm stetig besser zu gehen. Er kann nun wieder musizieren und empfindet seinen Tinnitus inzwischen als leise. »An manchen Tagen höre ich schwach das ‚Martinshorn‘, aber ich achte nicht darauf.« Eine größere Lautstärkeempfindlichkeit ist ihm allerdings geblieben: »Eine Mahler-Sinfonie im Konzertsaal kann ich meinem Hörorgan nicht mehr zumuten.«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe März 2014