Thomas Hampson

Für schöne Melodien bin ich sehr empfänglich

Thomas Hampson gilt nicht nur als einer der führenden Opernbaritone und Liedsänger. Er ist auch ein bekennender Operettenfan. Gerade hat der Amerikaner, der lange in Wien gewohnt hat, in Chicago den Danilo in Lehárs „Lustiger Witwe“ gegeben. Von Arnt Cobbers

Foto: Kristin Hoebermann
Foto: Kristin Hoebermann

Herr Hampson, was mögen Sie an der Operette?
Meine Lehrerin war eine Lotte-Lehmann-Schülerin, ich kannte Elisabeth Schwarzkopf und Hermann Prey, und sie alle haben ganz selbstverständlich Operette gesungen. Deshalb habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Die Operette ist eng verwandt mit der Musical Comedy, die mir als Amerikaner sehr nah ist. Ich mag die Musik, die schönen Melodien, die Handlung ist oft einfach, wobei manchmal dennoch profunde Gedanken ausgesprochen werden, und man kann immer wieder über den Menschen schmunzeln. Das ist die Oberfläche, die mich anspricht. Hinzu kommt: Die Operette ist im Zusammenspiel von Wort und Melodie meist unmittelbarer als die Oper. Die Operette entwickelt sich auf der Bühne in Echtzeit, es geht um spontane Gedanken und Handlungen, während eine Opernhandlung oft zeitlos ist, da wird über das menschliche Dasein reflektiert. Die Operette hat darin viel Ähnlichkeit mit Mozart, wo man im „Figaro“ tatsächlich einen Stundenablauf erleben kann – das hatte es vorher noch nie gegeben. Ich finde es eine gesunde Mischung, wenn ein Sänger Erfahrung auf beiden Gebieten hat, in dieser spontanen Form und in der quasi zeitlosen Reflexion. Dazu käme noch das Lied als Kunstform, in der in großer Nähe zum Publikum intime Gedanken und Geschichten erzählt werden. Ich liebe die großen Operetten, in denen es um Liebe, Hass, Eifersucht geht, und ich bin für schöne Melodien immer sehr empfänglich.
 
In letzter Zeit werden Operetten oft nicht mit Sängern, sondern mit Schauspielern besetzt. Ist die Operette eher etwas für singende Schauspieler?
Wir leben in einer Zeit, in der die glaubwürdige Schauspielerei, der Ausdruck im Wort das Wichtigste sind. Vor 50, 60, 70 Jahren stand dagegen die Musik im Vordergrund, da war das Wichtigste, dass man schöne Stimmen gehört hat. Ich denke, wir müssen langsam ein anderes Kulturbewusstsein entwickeln und in der Diskussion über Oper und Operette wegkommen von der Ansage: So oder so muss es sein. Es gibt Schauspieler, die sehr schön singen, und Sänger, die sehr gut schauspielern können. Wahrscheinlich gibt es den Anneliese-Rothenberger-Typus heute seltener als früher, aber Elisabeth Schwarzkopf war nicht nur eine große Sängerin, sondern auch eine phänomenale Schauspielerin, die auch die leichte Muse gemacht hat. Heute zu sagen, die Operetten wurden vor hundert Jahren geschrieben für Schauspieler, die singen konnten, ist mir zu einfach. Wer als Schauspieler heute Operette macht, sollte schon wirklich singen können. Die Gewichtung ist von Stück zu Stück unterschiedlich. Nehmen Sie das Pavillon-Duett in der „Lustigen Witwe“, wo es um die Schönheit und den Zaubermoment der Liebe geht, da steckt alles in der Musik, und das muss einfach gut gesungen werden.

Fühlt man sich als Sänger wohl, wenn man lange Sprechpartien hat?
Das ist ein heikler Punkt. Das Sprechen auf der Bühne ist den meisten Sängern fremd. Und das Publikum ist heute sehr empfindlich, wenn man da nicht den richtigen Ausdruck findet, wenn ein Dialog nicht glaubwürdig ist. Daran muss ein Opernsänger hart arbeiten. Aber das gehört in der Operette einfach dazu. Nur schön zu singen und einen beliebigen Dialog abzuliefern, ist inakzeptabel.


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2016