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Die Besten ihres Fachs

Wem gehört der Diven-Thron: Angela Gheorghiu oder doch Anna Netrebko? Autor Manuel Brug bereist die großen Bühnen der Welt und ist der Meinung: Die derzeit beste Sängerin ist eine Deutschgriechin. Lesen Sie einen Streifzug durch die zeitgenössische Sängerszene.

Anja Harteros (Foto: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl)
<i>Anja Harteros (Foto: Bayerische Staatsoper/Wilfried Hösl)</i>

Die traut sich was! Eben tritt Angela Gheorghiu gemeinsam mit Maria Callas auf. Zwar nur im Internet und virtuell in einem posthumen »Carmen«-Duett als Promotionsspielzeug für die CD »Hom ­mage To Maria Callas«. Aber die große Griechin und die schöne Rumänin auf einer Augen- und Vokalhöhe – gewagt, gewagt. Die Gheorghiu hat immerhin ein gesundes Selbstbewusstsein, sieht sie sich doch als die letzte der Diven, und das ist sie sicher auch. Vor allem, was die Zahl ihrer Skandale angeht. Absagen und Zickigkeiten gegenüber Managern und Journalisten, der eigene Mann – Ro ­berto Alagna – blieb davon nicht ausgespart. Jetzt ist sie mit ihm wiedervereint, im Herbst 2012 wird man in New York »La bohème« singen, da wo 1996 bereits die Hochzeit mit ebendieser Oper auf der Bühne der Metropolitan Opera gefeiert wurde.

Die Gheorghiu mag eine Pest für ihre Umwelt sein, auf der Bühne ist sie grandios, die Stimme nach wie vor der vielleicht schönste Sopran unserer Tage. Und für das Operngeschäft ist sie ein Segen. Schließlich hält sie eine Pro ­fes ­sion in den Schlagzeilen, die sonst längst nur noch auf schwindenden Kultur ­sei ­ten in den Medien vorkommt. Ja, auch Anna Netrebko ist ständiger Gast in den bunten Blättern und auf der Samstag ­abend-TV-Couch. Aber nur in den deutsch ­ ­spra ­chigen Ländern, wo seit ihrem Über ­raschungserfolg im Salz ­bur ­ger »Don Giovanni« 2002 das Epi ­zentrum ihrer Bekanntheit bebt. Ansonsten fällt die Russin mit österreichischem Pass, Wie ­ner Wohnsitz und uruguayischem Bassbari ­tonfreund (Erwin Schrott) vor allem durch Fleiß auf. Sie erfüllt ihre Opern ­engagements und Firmenver ­pflich ­ ­tun ­gen. So ist sie die Ver ­kaufs ­ ­königin bei der Deutschen Grammophon.

Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann sorgen regelmäßig für Sternstunden des Operngesangs, wie hier in einer Inszenierung von „Adriana Lecouvreur“ an Covent Garden in London. (Foto: Catherine Ashmore)
<i>Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann sorgen regelmäßig für Sternstunden des Operngesangs, wie hier in einer Inszenierung von „Adriana Lecouvreur“ an Covent Garden in London. (Foto: Catherine Ashmore)</i>

Im gleichen Haus setzt freilich die Römerin Ce ­cilia Bartoli von ihren gezielt platzierten, von jeweils einer strategisch weltweit geplanten Tournee begleiteten Solo-CDs alle zwei Jahre weit mehr Ein ­ ­zel ­exempla ­re um. Und das seit zwei Jahrzehnten. Ein Mezzo als Kom ­merz ­königin des Ge ­sangs, das war und ist neu. Die Bartoli kann es sich auch leis ­ten, in der Oper nur noch selten und meist an ihrem Wohnort Zürich aufzutreten. Die 45-Jährige ist eine Institu ­tion, bezaubert nach wie vor live und auf Platte durch ihr Können wie durch ihre Persönlichkeit. Beim selben Label Decca ist freilich auch die multiethnische Danielle de Niese verpflichtet. Die hat es mit ihrem sexy Barockhüft ­schwung als Händels Cleopatra zwar in Glynde ­bour ­ne sogar zur Ehefrau des adeligen Eigentümers gebracht, aber auf CD stellt man schnell fest: Die sieht man lieber singen, denn dass man sie gern hört. Doch auch als Vokalmodel gibt es inzwischen mehr als nur eine Nische. Ob die Georgierin Nino Machaidze, die für die schwangere Netrebko 2008 in Salzburg zu schnellem Ruhm kam, bei der Sony oder die stupsnasige Polin Aleksandra Kurzak, die jahrelang wenig beachtet an der Ham ­burger Oper sang und jetzt ebenfalls von der Decca verpflichtet wurde – gutes Aussehen zählt viel.

Aber auf CD fallen dann schnell De ­fi ­zite wie klirrende Hö ­hen, unausgegorene Rollen ­ ­porträts oder eine arg monochrome Stim ­me auf – wie etwa bei der live besonders mit Musik des 20. Jahrhunderts glänzenden Mojca Erdmann, die gegenwärtig die Deutsche Grammophon als So ­pran ­nymphe aufbaut. Doch bei der selben Firma lauert bereits die jüngere Kon ­kur ­renz in Ge ­stalt der besonders in Berlin geliebten Anna Prohaska, die authentisch einen jungen Typ von Groß ­stadtsängerin verkörpert und bereits von Dirigiergrößen wie Barenboim, Rattle, Abbado umschwärmt wird. Da ­bei ist diese erst 28-jährige Sopranistin längst noch nicht ausgereift, Schwach ­stellen fallen vor allem in der oft flach und erkämpft klingenden Höhe auf. Doch in Zeiten des gnadenlosen, aus den Modelshows des Fernsehens übernommenen Typ ­cas ­tings auch auf der Opern ­bühne haben gerade die lyrischen Sopra ­nistinnen nicht viel Zeit. Vorbei die Ära einer Erika Köth, einer Helen Donath oder Edith Mathis, die auch als Sechzig ­jäh ­rige auf der Büh ­ne noch Soub ­ret ­ten ­übermut versprühten. Ei ­ne Christine Schäfer tut sich schwer mit Avant ­gar ­de-Projekten, einer Julia ­ne Banse mag der Fach ­wechsel nicht gelingen, eine Ruth Ziesack ist ganz, eine Dorothea Rösch ­mann fast von der Sze ­nenfläche verschwunden. Mal sehen, wie lange sich andere, wie etwa die gerade von der Sony gehypte, in Deutsch ­land ausgebildete Russin Olga Peretyatko halten werden. Ihre Stimme hat freilich Farben und technisches Finish – da scheint viel möglich.

In ihrem Fach die Beste: Koloraturkönigin Diana Damrau als Lucia  an der New Yorker Met. (Foto: Ken Howard/Metropolitan Opera)
<i>In ihrem Fach die Beste: Koloraturkönigin Diana Damrau als Lucia an der New Yorker Met. (Foto: Ken Howard/Metropolitan Opera)</i>

Natürlich gibt es immer noch die seltsame Diskre ­panz zwischen einer Plat ­ten- und einer Live-Kar ­rie ­re. Die Ame ­rikanerin René Fle ­ming, inzwischen 52 und eine spät Aufgeblühte, versucht das seit zwei Jahrzehnten international mit großer Disziplin durchzuziehen, obwohl die Opernauftritte immer weniger werden. In New York regiert sie als US-Gegenmodell zur Netrebko nach wie vor die Met, aber der cremig- üp ­pige Stimm ­glanz von einst wird merk ­lich spröder. Sie wird von Mode ­schöp ­fern ausgestattet, hat zwei Bücher, eine Pop ­-Platte, Jazz-CDs herausgebracht, ein Dessert und ein Parfüm trägt ihren Na ­men. Zumindest dem weltweiten Klas ­sik ­publikum ist sie ein Begriff.

Doch die beste Sopranistin dürfte gegenwärtig die Deutschgriechin Anja Harteros sein, die in London und Wien, München und New York Triumphe im deutschen wie im italienischen Fach feiert. Eine Mediengröße ist die nicht eben pflegeleichte Bergneustädterin – im Gegensatz zur ein Jahr später in der Nachbarstadt geborenen Heidi Klum – keineswegs. Ein erster Plattenversuch mit Sony scheiterte, die grandiose Cha ­rakterisierungskunst der Harteros ist sonst fast nur bei dem Minilabel Farao, auf einer Lied-CD und ein paar DVDs präsent. Ähnliches gilt für den wunderbaren Verdi-Spintosopran Sondra Rad ­vanovsky, die ihren Wirkungskreis weitgehend auf Amerika beschränkt, oder für die Deutsche Marlis Petersen.

Dauergast an der Met und in Salzburg:  Anna Netrebko beeindruckt nicht nur mit einem außergewöhlichen Sopran, sondern mehr und mehr auch als packende Darstellerin, etwa als Anna Bolena an der Met. (Foto: Ken Howard)
<i>Dauergast an der Met und in Salzburg: Anna Netrebko beeindruckt nicht nur mit einem außergewöhlichen Sopran, sondern mehr und mehr auch als packende Darstellerin, etwa als Anna Bolena an der Met. (Foto: Ken Howard)</i>

Ganz anders dagegen die ebenfalls aus der Kleinstadt Günzburg kommende, zehn ruhige Aufbaujahre lässig verdaut habende Koloratursopranistin Diana Damrau. Bei der sind Stimme und Frau eins, die kann spielen und offenbart längst auch ihr vokaldramatisches Po ­tential. Tschüss, Königin der Nacht, hallo Traviata! Die Damrau ist im Lied wie auf der Bühne zu Hause, singt barocke Koloraturen und Vokalgirlanden des 20. Jahrhunderts mit femininem Charme, ist wandlungsfähig und bühnenfüllend. Kein Wunder, dass die Opern in Mün ­chen und New York sie lieben, dass Vir ­gin Classics sie hegt und pflegt. Denn solche pflegeleichten Universalistinnen des Gesangs sind die Ausnahme, nicht die Regel. Und selbst eine Edita Gru ­be ­rova, bis jetzt regierende Queen der Stratosphäre, wird irgendwann abdanken müssen.

Bei den Mezzos möchte gern die ehrgeizige Lettin Elina Garanca in diese Ränge vorstoßen, doch gegenwärtig wird ihr von Joyce DiDonato der Rang streitig gemacht. Beide sehen gut aus, können spielen, sind fleißig und handsam, es wird – bei der Grammophon wie bei Vir ­gin – für jede mehr als nur ein Plätz ­chen da sein. So wie auch die Barock ­sänger aus der Nische gekommen sind. Inter ­pre ­ten wie etwa die DiDo ­na ­to oder die ewig mit ihrem Nachtigallendasein hadernde Natalie Dessay sind sowieso auf beiden Seiten des Grabens zu finden, der keiner mehr ist. Andererseits haben heute längst die Labels ihren Haus-Countertenor – Decca Andreas Scholl, Virgin Classics Philippe Jaroussky und Max Emanuel Cencic und Harmonia mundi Bejun Mehta. Und die sind inzwischen so mutig, dass sie sich auch ins normale Liedterrain hineinwagen, De ­bussy, Vaughn Williams und Schu ­bert singen. Ja, so mancher Counter ­tenor – etwa Jaroussky – überflügelt bei sich zu Hause in Frankreich an Po ­pu ­larität längst so manchen Tenor des italienischen Fachs.

Womit wir bei den ewigen Sorgen ­kindern des Musikgeschäfts wären. Für das schwere Repertoire gibt es im Wag ­ner- wie Verdi-Bereich kaum wirklich bedeutende Vertreter. Kein Wunder, dass dann eine Ausnahmeerscheinung wie Klaus Florian Vogt, der blond und schlank ist, spielen kann, Technik und langen Atem hat und zudem so neugierig ist, dass er sich nicht nur auf Lo ­hengrin und Stolzing beschränken mag (obwohl er das leicht könnte), extrem gefragt ist. Oder ein Jonas Kaufmann, der nach Lehr ­jahren in deutschen Pro ­vinztheatern sich mit gesunder Verspä ­tung an die Spitze sang. Auch der hat alles: Locken und Dreitagebart, Spiel ­freu ­digkeit, Zu ­verlässigkeit, einen dunkel grundierten Tenor mit herrlicher Höhe, die er gar nicht so manieristisch einfärben müsste, und die nötige Durch ­schlags ­kraft, um in zehn Jahren dann auch beim Otello, beim Tannhäuser, wohlmöglich auch bei Siegfried und Tristan zu landen. Doch den Cavaradossi, den Wer ­ther, Faust und Don Carlos, Radamès und Manrico möchte Kaufmann trotzdem weitersingen. Eine kluge, die Stim ­me flexibel haltende Entscheidung, die ihm eher noch mehr denn weniger Fans eintragen wird.

Anna Prohaska zählt zu den vielversprechenden Nachwuchstalenten. Erfolge feierte sie bereits als Ann Trulove in Strawinskys  „The Rake’s Progress“ an der Staatsoper Unter den Linden. (Foto: Ruth Walz/Berliner Staatsoper)
<i>Anna Prohaska zählt zu den vielversprechenden Nachwuchstalenten. Erfolge feierte sie bereits als Ann Trulove in Strawinskys „The Rake’s Progress“ an der Staatsoper Unter den Linden. (Foto: Ruth Walz/Berliner Staatsoper)</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Januar 2012