Ramón Vargas

Kapital und Zinsen

Ein Tenor wie ein Fels: Kontinuierlich und ohne Skandale hat Ramón Vargas seine Karriere aufgebaut und singt noch heute, mit 54, wie ein junger Mann. Manuel Brug hat sich mit dem vielseitigen Sänger unterhalten – auch über eine für sein Fach ungewöhnliche Puccini-Aversion.

Foto: Adolfo Butrón/Naxos
Foto: Adolfo Butrón/Naxos

Ein Tenor ist ein Tenor ist ein ... Ganz so einfach ist es natürlich nicht mehr im Zeitalter der an Oper weitgehend uninteressierten, aber dennoch newsgierigen Medien, wo längst nicht mehr nur registriert wird, wie jemand singt und klingt. Der eine Ritter vom hohen C wird auch bekannt, weil eine Plattenfirma besonders viel für ihn tut. Der andere, weil er zusätzlich zu seinen Vokalergüssen spektakuläre Abgänge von der Bühne, viele Absagen und sonstige nervöse Ticks pflegt. Und ein dritter findet nichts dabei, auch jenseits seiner vor Publikum zelebrierten Profession sein mehr oder weniger stürmisches Privatleben gerne in die Öffentlichkeit zu tragen, inklusive Babybildern und Scheidungsankündigung.

Natürlich gibt es aber immer noch die Tenöre, die lediglich durch ihr eigentliches Tun von sich hören lassen und darüber reden machen. Sie tun ihren Job, solide und zuverlässig, auf der Bühne und im Konzertsaal, möglicherweise sogar auch noch im Plattenstudio. Sie sind uns vertraut geworden, wir haben im günstigsten Fall ihre Entwicklung über die Fachgrenzen hinaus verfolgt. Sie sind Teil unseres Gefühlshaushalts geworden, eine schöne, womöglich bunte Facette im globalen, per CD, DVD, Streaming, Radio oder Fernsehen abrufbaren Gemisch aller – und doch besonders unserer – Musikmöglichkeiten und -vorlieben.

Genau so einer ist der 1960 in Mexico City geborene Ramón Vargas. Es muss Ende der 80er-Jahre gewesen sein, als ihn der Schreiber dieser Zeilen erstmals als Einspringer in einem Münchner Liederabend erlebte. Er war hastig aus Wien herbeigekarrt worden. Und da stand nun also ein untersetzter, etwas linkischer, dabei durchaus sympathischer junger Mann auf dem Podium im Herkulessaal und sang sich durch populäre Kanzonen und Arien, da er nicht wirklich vorbereitet war, aber seine Chance nutzen wollte. Und das Publikum reagierte schon nach dem ersten strahlend-klaren Ton, gepaart mit dem typischen halb schmachtenden, halb weichen Latino-Schimmer.

Denn da war ein feiner Stilist zu erleben, unfertig noch, aber mit vielversprechendem Material, der seine Zuhörer bannte und begeisterte. Man spürte die Lust an seinem Tun, die Lust zu gefallen, aber auch die Lust zu kommunizieren, sich einzureihen in eine Riege illustrer Vorgänger, die diesen Nummern längst ihren ewigen Stempel aufgedrückt hatten. Und als ihn das Publikum einfach nicht gehen lassen wollte, immer weitere Zugaben verlangte, die er gar nicht mitgebracht hatte, da sang Ramón Vargas einfach noch ein paar mexikanische Tenorschnulzen, Tangos und natürlich „La Cucaracha“. Danach tobte der Saal!

Ramón Vargas verfügte damals über eine leichte, lyrische, durchaus auch höhensichere Stimme. Rossini, Donizetti, auch ein wenig Mozart waren die Bereiche, in denen er sich bewegte. „Marcello Viotti hatte mich damals in Wien unter seine Fittiche genommen“, erzählt Vargas heute in der Rückschau, „und mir zunächst einen Pfad zum koloraturfeinen, aber sehr lyrischen Rossini geebnet“. Ein solides Quintett der fünf frühen Farcen, aufgenommen für Claves, zeugen noch heute davon. Und sie lassen gleich den Vargas-Touch hören: Da arbeitet jemand mit Sorgfalt und großer Legato-Akkuratesse. Man hört nicht die Höhen-Brillanz von etwa Diego Floréz, aber dafür ist diese Stimme über 20 Jahre später längst beim „Maskenball“-Riccardo angekommen, beim durchaus auch als Stimmkiller gefürchteten Rodolfo in Puccinis „La bohème“. Und Ramón Vargas ist längst auch schon im lyrischeren französischen Repertoire von Hoffmann bis Werther und Des Grieux sattelfest, Rollen an die sich der weit berühmtere Peruaner gerade erst herantastet.

Aber warum ist Ramón Vargas dann nicht bekannter? Der Sänger hat eine einfache, ganz und gar uneitle Erklärung parat: „Als ich anfing, da waren die drei Tenöre auf ihrem Zenit, da war auf dem Plattenmarkt, der bereits zu schrumpfen begann, vieles besetzt. Doch ich habe meinen Weg durch die Opernhäuser und Festivals auch so gemacht, kann mich über zu wenige Angebote oder unattraktive Rollen überhaupt nicht beklagen. Und selbst CDs habe ich einige aufgenommen – und ich behaupte: nicht die schlechtesten.“

Stimmt. Ramón Vargas war, das gibt er unumwunden zu, ein Spätzünder: „Ich brauchte meine Lern- und Inkubationszeit.“ Die hatte er im Wiener Opernstudio, wohin ihn nach dem Gewinn des Caruso-Wettbewerbs im Jahre 1986 ein anderer großer Hispano-Tenor vermittelte: Plácido Domingo. Und während die anderen Plattenfirmen warteten, später auf jüngere Tenöre wie Roberto Alagna, Rolando Villazón (dessen Fehler Vargas nie gemacht hat), José Cura oder Joseph Calleja setzten, konnte er es sich ganz ohne Druck im Betrieb gemütlich machen, sich ohne allzu viel Medienaufmerksamkeit entwickeln. Und wenn er reif war, dann waren auch die (eigentlich immer positiv gestimmten) Kritiker da. Als Erfolgsrezept dafür nennt er drei Dinge: „Durchhaltewillen und unbedingte Entschlossenheit, das gesteckte Ziel nie aus den Augen zu verlieren sowie eine gewisse innere Harmonie.“

Außerdem hatte auch er von Mitte der 90er-Jahre ab zwischenzeitlich eine Exklusivbindung an die damals von München durch Stefan Mikorey geleitete RCA/BMG, die mit dem dortigen Rundfunkorchester und einer kleinen Schar junger Namen den alten, amerikabestimmten Katalog aufmöbeln wollte. Bellinis „I Capuleti e i Montecchi“ an der Seite von Eva Mei und Vesselina Kasarova, Donizettis „La Favorite“, Massenets „Werther“, Rossinis „Tancredi“, zwei Soloalben und für die Decca Rossinis „Turco in Italia“ an der Seite von Cecilia Bartoli entstanden in diesen Jahren, alles Einspielungen, die auch heute noch ihren Wert haben. Später kamen ein Album italienischer Arien sowie auf DVD der Tenorpart in Verdis Requiem, der „Traviata“-Alfredo, der Don Carlos in der französischen Fassung, Mozarts Idomeneo und Ottavio, Tschaikowskys Lenski und der Rodolfo hinzu – an der Seite von Angela Gheorghiu, Renée Fleming oder Magdalena Kozená, aufgenommen in London, New York, Wien oder Salzburg.

Bei den Salzburger Festspielen überzeuge Ramón Vargas Publikum und Kritiker in der Titelpartie von Mozarts „Idomeneo“. Foto: Bernd Uhlig/Salzburger Festspiele
Bei den Salzburger Festspielen überzeuge Ramón Vargas Publikum und Kritiker in der Titelpartie von Mozarts „Idomeneo“. Foto: Bernd Uhlig/Salzburger Festspiele

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2014