Szene

»Das ist wie Alkohol für einen Alkoholiker auf Entzug«

Rechtsruck in Ungarn: Eine neue Verfassung, neue Gesetze fördern »nationale Gesinnung« und knebeln Andersdenkende. Auch in der Kunst. Gerhard Persché befragte den Dirigenten Ádám Fischer und den Pianisten András Schiff. Heraus kam ein Appell zur Verantwortung von Künstlern in Zeiten politischer Willkür.

Ádám Fischer ist eines der prominentesten Opfer der neuen ungarischen Kulturpolitik. Im Oktober 2010 schmiss er die Brocken an der Ungarischen Staatsoper hin – auf Druck der Regierung oder aus Protest?(Foto: Lukas Beck)
Ádám Fischer ist eines der prominentesten Opfer der neuen ungarischen Kulturpolitik. Im Oktober 2010 schmiss er die Brocken an der Ungarischen Staatsoper hin – auf Druck der Regierung oder aus Protest?<i>(Foto: Lukas Beck)</i>

Es brodelt«, sagt Ádám Fischer. Er spricht langsam, überlegt, wählt die Worte sorgfältig, gibt sich Mühe, ruhig und sachlich zu bleiben. Doch seine Körpersprache wirkt äußerst gespannt, wie kurz vor einer Explo ­sion. Die gegenwärtige Situation in Ungarn: ein sehr heikles Thema, über das wir sprechen wollen. Unmittelbar vor unserem Gespräch hat Fischer die Nachricht bekommen, dass István Csurka zum Intendanten und Hausautor des »Ãšj Színház« (zu Deutsch: »Neues Theater«), eines renommierten, bislang eher der alternativen Szene zugehörigen Buda ­pes ­ter Theaters ernannt wurde. Csurka ist seit Oktober 1994 Vorsitzender der außerparlamentarischen rechtsextremen Partei MIEP und fällt immer wieder durch antisemitische und radikal nationalkonservative Äußerungen auf. So hatte er schon vor Jahren anlässlich der Verleihung des Nobelpreises an Imre Kertész gesagt, der Preis sei eine »Be ­lohnung für Auschwitz«. Wobei Csurka nicht einmal von der rechtslastigen Regierung Orbán selbst, sondern vom bislang als liberal und weltoffen geltenden neuen Oberbürgermeister Tarlos bestellt wurde; das Theater gehört der Stadt Budapest.

Aber Tarlos´ Vorgehen passt ins Bild. Denn im EU-Mitgliedsland Ungarn trägt sich politisch zur Zeit Ungeheures zu: Premierminister Viktor Orbán und seine Partei Fidesz, bei der letzten Wahl zusammen mit dem rechtsextremen Jobbik mit einer Zweidrittelmehrheit ausgestattet, suchen das Land nach ihren ganz speziellen, deutlich rechtslastigen Vor ­stellungen umzukrempeln, auch in der Kunst – und das auf Jahre hinaus: Im ­ers ­ten Jahr der neuen Regierung beschloss das Par ­lament über hundert neue Ge ­setze mit zum Teil enormer gesellschafts ­po ­li ­tischer Tragweite. Im Eilverfahren wurden Verfassungsänderungen und eine große Verfassungsnovelle beschlossen, die auch Kompetenzbeschneidungen beim Verfassungsgerichtshof beinhaltet. Ein neues Mediengesetz sucht Kritiker zu knebeln, »nationale Gesinnung« wird zum Kriterium der Beurteilung auch von Künstlern und Kunst. Fischer, international renommierter Pultvirtuose, 2002 für seine Interpretation von Wagners »Ring« in Bayreuth zum »Dirigenten des Jahres« gewählt und bis zum Herbst vorigen Jahres auch Generalmusikdirektor der Ungarischen Staatsoper, ist eines der prominentesten Opfer der neuen Kul ­tur ­politik. Im Oktober 2010 schmiss er die Brocken hin. Auf Druck der Regie ­rung oder aus Protest gegen die politische Willkür? »Beides. Bei einer solchen Entscheidung gibt es immer mehrere Gründe. Ich habe jedenfalls nach der plötzlichen Ernennung eines Kommis ­sars durch das Ministerium, der in unsere laufende Planung eingriff, das Gefühl, dass ich – falls ich überhaupt noch Reste meiner Integrität und Glaubwürdigkeit behalten möchte – sofort gehen müsste.«

András Schiff tritt aus Protest gegen die Politikwilkür nicht mehr in Ungarn auf. Von der rechten Regierung wurde er  daraufhin zur „Persona non grata“ erklärt.  (Foto: Nadia F. Romanini/ECM)
András Schiff tritt aus Protest gegen die Politikwilkür nicht mehr in Ungarn auf. Von der rechten Regierung wurde er daraufhin zur „Persona non grata“ erklärt. <i>(Foto: Nadia F. Romanini/ECM)</i>

Ob Zsolt Bayers Orgovány-Hetzar ­ti ­kel in der Tageszeitung »Magyar Hírlap« dabei eine Rolle spielte, frage ich Fi ­scher. Zur Erklärung: Als Ungarn im Januar dieses Jahres den Ratsvorsitz der EU übernahm, schrieb der Pianist András Schiff in der »Washington Post« einen Text, in dem er bezweifelte, ob Ungarn angesichts des dort virulenten Anti ­se ­mi ­tismus, Rassismus und Nationa ­lis ­mus überhaupt würdig sei, diese Position einzunehmen. Denn die EU sei ja nicht bloß eine Wirtschaftsunion, sondern ver ­trete auch gemeinsame europäische Werte. Worauf Zsolt Bayer im erwähnten Artikel ganz offiziell bedauerte, dass es nicht gelungen sei, »jeden dieser Menschen bis zum Hals im Wald von Or ­govány zu verscharren«. In jenem Wald wurden 1920 nach dem Ende der kurzlebigen kommunistischen Rätere ­publik hunderte Juden und Kommunisten gefoltert und getötet. Ádám Fischer hatte Bayer wegen dieses Textes empört kritisiert.

Fischer dazu: »Das war eine politische Sache und hatte mit der Staatsoper eigentlich nichts zu tun. Beim Salonras ­sismus von Zsolt Bayer ist nicht das Schlimmste, was er schreibt, sondern dass er damit in Ungarn offene Türen einrennt. Die Orbán-Regierung bringt die schlechteste Seite der ungarischen Mentalität hervor – das ist wie Alkohol für einen Alkoholiker auf Entzug. Ich bin auch entsetzt über die mangelnde Solidarität ungarischer Künstler mit Schiff. Ich verstehe, dass viele sich in ihrer Existenz bedroht fühlen, weil sie von der Regierung abhängen. Es gibt aber auch solche, die einfach abgestumpft sind. Für mich selbst kann ich nur sagen: Ich kann nicht anders, als meine Mei ­nung deutlich auszudrücken – obwohl ich damit unter Umständen meine Pro ­jekte in Ungarn gefährde.« Denn Fischer hat schon vor seiner Tätigkeit an der Staatsoper mit den »Budapester Wag ­ner-Tagen« im Palast der Künste am Do ­nauufer erfolgreich eine Art Bayreuth-Ableger aufgebaut, mit internationalen Sängern, die auch auf dem Grünen Hü ­gel reüssieren. Das möchte er gerne weitermachen.

András Schiff selbst wurde mittlerweile in Ungarn zur »Persona non grata« erklärt. Ob ihn das kränkt? »Von diesen Menschen betrachte ich dies als Aus ­zeichnung«, schreibt er per Mail. »Es kommt aber etwas spät, denn ich habe schon am Anfang des Jah ­res klar gesagt, dass ich nicht mehr in Ungarn auf ­treten werde. Das ist noch immer aktuell. Es gibt aber sehr viele Menschen, die mich dort liebend gern hören möchten. Das ‚non grata´ ist also nicht allgemein.« Die von Fischer angesprochene mangelnde Solidarität ungarischer Künstler freilich schmerzt auch Schiff: »Unsere ungarischen Kollegen schweigen wie die Fische. Außer Ádám und Iván Fischer. Das Mot ­to der anderen scheint zu sein: Still bleiben, wegschauen. Das ist ja bequem. Der eine sagt, er interessiere sich nicht für die Politik, der andere hat ein kleines Kind, mit dem er den ganzen Tag lang beschäftigt ist. Haben diese Leute aus der Geschichte nichts gelernt?

Eine Frage, die sich auch im Fall von Ákos Kertész stellt. Der Schriftsteller und Kossuth-Preisträger schrieb am 29. August dieses Jahres einen offenen Brief an die in den USA verlegte ungarische Zeitung »Amerikai Népszava«. In an manchen Stellen rabiater Ausdrucks ­wei ­se erregte er sich darin über den gegenwärtigen geistigen Zustand seiner Landsleute. Der Ungar sei »genetisch bedingt ein Untertan«, konstatierte er. Im Hinblick auf die schlimmsten historischen Verbrechen verspüre er »nicht den Funken eines Schuldgefühls«, wälze alles auf andere ab, zeige unaufhörlich auf die anderen. »Er kann und will weder lernen noch arbeiten, im Neid dagegen blüht er auf...« Ádám Fischer kommentiert: »In diesem Zusammenhang haben sie ihm die Ehren ­bürgerschaft der Stadt Bu ­dapest aberkannt, und die rechte Presse forderte, dass er wegen Volksver ­hetzung hinter Gitter gehöre. Seine jüdische Abstammung wurde auch fleißig erwähnt. Dabei müsste die Freiheit eines jeden Landes daran gemessen werden, wie es mit seinen renitenten Künstler umgeht, mit seinen Heinrich Heines oder Thomas Bernhards.«

Man forderte den Schriftsteller auf, sich zu entschuldigen und den Text zu revidieren. »Ãkos Kertész hat einen einzigen Satz aus seinem Text herausgenommen, in welchem er die Ungarn als Nation der Diener-Seelen gestempelt hat«, schreibt András Schiff dazu. »Im Übrigen finde ich seine These absolut richtig und sehr mutig. Besonders, weil er in Ungarn lebt. Die Ungarn sind ja für den Holocaust nicht allein verantwortlich, sie sind ‚nur´ mitverantwortlich. Das haben sie bis heute nicht eingesehen, nicht aufgearbeitet. Aber seien wir ehrlich, welches Volk hat das – außer dem deutschen – getan? Eine Solidarität anderer ungarischer Künstler wäre wun ­derbar, es wird aber nicht kommen, aus den oben erwähnten Gründen. Ich persönlich solidarisiere mich mit ihm vollkommen und würde meinen Kos ­suth-Preis auch zurückgeben, wenn ihm seiner aberkannt wird. Nota bene, diesen Preis habe ich vom Staatspräsidenten Árpád Göncz bekommen, das waren andere Zeiten. Natürlich spielt Kertész´ jüdische Abstammung eine große Rolle in der Hetzkampagne. Der andere Kertész, Imre, könnte darüber viel erzählen. Als er 2002 den Literatur-Nobelpreis bekam, haben unzählige Ungarn Protest ­brie ­fe an die Stockholmer Akademie geschickt. Imre Kertész sei Jude, kein Un ­gar, und er verdiene diesen Preis nicht. Welch ein Pech, dass die Ungarn das nicht bestimmen können...« Im Übrigen sei Antisemitismus, so Schiff, in Ungarn nichts Neues. »Auch in der Kádár-Ära existierte er – unterdrückt. Als ich fünf Jahre alt war und mit den Nachbar ­kin ­dern Fußball spielte, sagte mir eines Ta ­ges ein 3-Jähriger: »Du darfst nicht mehr mit uns spielen, weil du Jude bist, und ihr habt Jesus Christus getötet«.

Im EU-Mitliedsstaat Ungarn trägt sich politisch zurzeit Ungeheures zu:  Premierminister Viktor Orbán (Foto) und seine Partei Fidesz haben die demokratischen Grundfesten des Landes erschüttert und mit einer Verfassungs­änderung einen klaren
Im EU-Mitliedsstaat Ungarn trägt sich politisch zurzeit Ungeheures zu: Premierminister Viktor Orbán (Foto) und seine Partei Fidesz haben die demokratischen Grundfesten des Landes erschüttert und mit einer Verfassungs­änderung einen klaren Rechtsruck vollzogen. <i>(Foto: Wikipedia)</i>

Die Stimmungsmache gegen Juden, aber auch gegen Homosexuelle und Min ­derheiten, vor allem Zigeuner, wird offiziell zwar geleugnet, scheint zurzeit in Ungarn aber hochansteckend. Ádám Fischer: »Aus ungarischen Nationalisten könne man mit einer passenden Äuße ­rung den Tiger hervorlocken, schrieb der ungarische Klassiker Kálmán Mikszath schon vor über hundert Jah ­ren. Das weiß der Fidesz auch, aber das interessiert ihn nicht, weil es um kurzfristigen politischen Gewinn geht. Da ­bei macht diese Politik längerfristig so viel kaputt. Früher war Orbán ein Libe ­ra ­ler, weil er sich dort mehr Stimmen versprach; jetzt hat er die Seiten gewechselt und setzt auf die Nationalen und Rechtsradikalen, weil ihm das mehr Erfolg garantiert. Das parteipolitisch einzig Wichtige für den Fidesz ist – unabhängig von jeder Ideologie –, dass er die eigenen Vertrauensleute überall positioniert und Andersdenkende herausdrängt. Die neue Verfassung ist maßge ­schnei ­dert für die taktischen Ziele von Fidesz. Etwa mit dem neuen Mediengesetz, das sicherstellt, dass die Meinung von Fidesz inklusive dem ständig gebrauchten Schlag ­wort von der ‚Nationalen Gesin ­nung´ auf Jahre hinaus dominant bleibt, weit über Neuwahlen hinaus.« Und das Andersdenkende mundtot zu machen sucht. András Schiff ergänzt: »Die Macht Orbáns und seiner Partei wurde durch die neue Verfassung wahrlich zementiert. Wir sprechen nicht von vier oder acht Jahren, sondern tatsächlich von Jahrzehnten. Da ist nichts zu retten. Und danach? Ja, da muss man wieder von null anfangen. Eine Verfassung ist ja nicht Gottes Werk.«


Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Dezember 2011