Dirigenten im Wandel der Zeiten

Zwischen Taktstock und Schreibfeder

Ob Lully, Weber, Mahler oder Furtwängler. Jahrhundertelang waren Komponisten zugleich auch Dirigenten und umgekehrt. Erst im 20. Jahrhundert entstand mit Herbert von Karajan der Prototyp des auf die Orchesterarbeit spezialisierten Pultmagiers. Ein historischer Überblick von Julia Spinola.

Pierre Boulez, dessen 90. Geburtstag gerade zu feiern war, ist nicht nur einer der letzten noch lebenden Granden der Neuen Musik. Er kann auch als einer der letzten Protagonisten jener Personalunion von Komponist und Dirigent gelten, wie sie im 19. Jahrhundert gang und gäbe war und noch im 20. Jahrhundert für Figuren wie Richard Strauss, Alexander Zemlinsky, Gustav Mahler und selbst noch Leonard Bernstein konstitutiv war. Zwar waren auch Sergej Rachmaninow, Paul Hindemith, Igor Strawinsky oder Benjamin Britten zu ihrer Zeit geschätzte Dirigenten, doch wirklich einflussreiche Positionen erreichten sie in diesem Metier nicht. Bei Wilhelm Furtwängler, Lorin Maazel, Rafael Kubelik, Andre Previn oder Victor de Sabata war es umgekehrt. Sie komponierten zwar, aber die Bedeutung, die sie als Dirigenten erlangten, stellte die ihrer Werke in den Schatten. Heute findet man den Typus des – sei es aus Leidenschaft, sei es zum Broterwerb – dirigierenden Komponisten hauptsächlich in den Spezialzirkeln der Neuen Musik, eher abseits des internationalen Betriebs. Zu ihnen zählen etwa Hans Zender, Peter Eötvös, Heinz Holliger oder Peter Ruzicka. Von den Werken des komponierenden Dirigenten dagegen weiß man meist wenig, weil er – wie Ivan Fischer oder Michael Gielen – überwiegend für die Schublade schreibt. Anlass genug, sich noch einmal zu vergegenwärtigen, wie sich unser Musikbetrieb, der den Interpreten über die Werke stellt, entwickelt hat. Was haben wir im Zuge der zunehmenden Differenzierung der Musik zu einer autonomen, vielfältig ausdeutbaren Kunstform gewonnen? Was ging auf dem Wege arbeitsteiliger Spezialisierungen vielleicht auch verloren?

Der Dirigentenberuf ist einer der jüngeren Musikerberufe. Er entstand zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit der Expansion des bürgerlichen Musiklebens, mit dem Bau großer Säle, dem Anwachsen der Ensembles auf große Orchester und der Geschichte der Symphonik. Bis dahin war die Leitung eines vokalen oder instrumentalen Ensembles eine recht abenteuerliche Angelegenheit gewesen. Die frühen Taktschläger trommelten das Metrum lautstark auf Chorbücher, stampften es mit eisenbeschlagenen Sohlen auf den Boden oder fuchtelten mit einer Papierrolle in der Luft. Ihre Funktion beschränkte sich mehr oder weniger darauf, das Tempo anzugeben. Im Generalbasszeitalter entwickelte sich die sogenannte „geteilte Direktion“, bei der die Musiker sowohl durch den Konzertmeister von der Violine aus geleitet wurden als auch vom Kapellmeister, der am Continuo im Orchester saß, und so nur zu einem Teil des Orchesters Blickkontakt hatte. Als ebenso despotischer wie effizienter Kapellmeister drillte Jean Baptiste Lully, der Schöpfer der Tragédie Lyrique, die Kapelle Ludwigs des XIV. zum einheitlichen Bogenstrich. Lully, der vom Sonnenkönig zum Hofkomponisten und zum Leiter der Hofkapelle berufen worden war, eröffnet die Geschichte des Komponisten-Dirigenten als einer Machtinstanz. Der lange Stab, den er beim Taktieren auf den Boden schlug, wurde ihm zum fatalen Verhängnis. Während einer Vorstellung seines „Tedeums“ rammte er ihn sich in seinem Furor in den Fuß und starb an der Verletzung. Auch von Christoph Willibald Gluck, dem Opern-Reformer, weiß man, dass er als Kapellmeister Wert auf intensive Proben seiner Partituren legte.

Um 1780 verschwanden allmählich die alten Funktionen der Violinen- und Klavierdirektion. Mozart leitete seine Aufführungen zwar gewöhnlich vom Klavier aus, doch weisen einige Berichte darauf hin, dass er gelegentlich auch am Kapellmeisterpult mit beiden Händen den Takt schlug und aus der Partitur dirigierte. Überliefert sind seine Klagen über zu geringe Probenzeiten. Auch Joseph Haydn setzte an seine Hofkapelle in Eisenstadt strenge Maßstäbe, während Beethoven mit seiner zunehmenden Gehörlosigkeit von den Orchestermusikern gefürchtet wurde. Die Geschichte ist voll von tragischen Schilderungen darüber, wie der taube, aber exzentrische Beethoven am Pult alle und alles durcheinanderbrachte. Seinen Symphonien nahm sich später als Dirigent der Franzose François Habeneck an, der in Paris die „Societé de Concerts du Conservatoire“ gegründet hatte und dessen genau ausgearbeitete, auswendig dirigierte Beethoven-Interpretationen den jungen Richard Wagner beeindruckten. 

Pierre Boulez wollte als Komponist, Theoretiker und Dirigent die Welt verändern. Foto: Harald Hoffmann/DG
Pierre Boulez wollte als Komponist, Theoretiker und Dirigent die Welt verändern. Foto: Harald Hoffmann/DG

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Mai 2015