Janet Baker

Dienerin der Musik

Interviews mit Janet Baker sind rar gesät. Kurz vor ihrem 80. Geburtstag am 21. August bekam Björn Woll eine der seltenen Gelegenheiten für ein Treffen mit der englischen Mezzosopranistin in der altehrwürdigen Wigmore Hall in London. Ein Gespräch über Musik als Lebensaufgabe, das Ethos als Berufssänger und Zerwürfnisse mit Karajan.

Fotos: EMI
<i>Fotos: EMI</i>

Dame Janet, wir sind hier in der Wigmore Hall, einem Ort, an dem Sie zahlreiche Erfolge gefeiert haben. Gehen Sie heute noch ins Konzert oder in Opernvorstellungen?

Das tue ich. Ich genieße es, Musik zu hören, besonders Opernaufführungen. Ich möchte wissen, wie sich die Dinge verändern, wie die gleichen Stücke immer wieder von frischen Augen in neuen Produktionen gesehen werden. Das interessiert mich sogar sehr!

Was hat Ihnen das Singen bedeutet oder bedeutet es noch immer für Sie?

Für mich war es eine Möglichkeit, mich als Mensch auszudrücken. Es ist ein Glücksfall, dass wir als Künstler eine spezielle Begabung haben. Sie ist wie ein Leitfaden oder ein Magnet, der uns lenkt. Denn es gibt etwas, das man am besten kann. Damit geboren zu werden ist eine wundervolle Sache: mit Talent. Es macht unsere Entscheidungen sehr viel leichter. Wenn man mit dieser Begabung geboren ist, muss man es auch tun – ohne Rücksicht auf irgendetwas anderes. Das bedeutet Singen für mich: Man hat ein klares Lebensziel und einen bestimmten Zweck zu erfüllen.

Sie haben Ihre Stimme einmal als Geschenk bezeichnet, aber als Geschenk mit einer großen Verantwortung. Welche ist das genau?

Sehen Sie, das ist die Kehrseite der Medaille. Wenn man sich für das Leben als Sänger entscheidet, hat man eine enorme Verantwortung. Das kann zu einer großen Bürde werden, denn die Leistung, die man bringen muss, um ein erfolgreicher Künstler zu werden, ist kolossal. Diese persönliche Verantwortung besteht aus harter Arbeit, daraus, den richtigen Lehrer zu finden, die richtigen Rollen auszuwählen und sehr früh im Leben wichtige Entscheidungen zu treffen. Wenn man mit Talent gesegnet ist, kann man es nicht auf die leichte Schulter nehmen: Man muss ihm dienen.

Haben Sie jemals darüber nachgedacht, dieses Geschenk zurückzugeben?

Das ist eine interessante Frage. Denn wenn ich unterrichte, konzentriere ich mich vor allem auf die Interpretation. Der Prozess, eine Interpretation auf das höchstmögliche Niveau zu bringen, schließt den Prozess der Selbstfindung mit ein und die Bereitschaft, sich vor einem Publikum zu entblößen, um die Musik bis in ihre tiefsten Schichten zu erkunden. Man muss darauf vorbereitet sein, Opfer zu bringen. Und ich erlebe immer wieder junge Sänger, die nicht so weit gehen wollen, die nicht in einer Rolle verschwinden wollen. Sie wollen dem Publikum nicht zeigen, was sie wirklich fühlen. Das ist für mich der springende Punkt: Man muss vollkommen transparent sein. Und das zu tun erfordert einigen Mut. Es ist nur den größten Künstlern gegeben, sich vollständig zu öffnen für das, was die Musik ihnen sagt. Man ist wie ein Medium, durch das die Kraft der Musik zum Leben erweckt wird – ohne Rücksicht auf die persönlichen Ziele. Berühmt zu sein ist schön, aber es ist ein Nebeneffekt, es sollte nicht der Grund für das ganze Unterfangen sein. Etwas sehr viel Wichtigeres als Ruhm muss die treibende Kraft sein.

Sie selbst wurden außerhalb des konventionellen akademischen Systems ausgebildet. War das ein Vor- oder ein Nachteil?

Für mich war das vor allem ein Vorteil, weil mein Lehrer mir zu Beginn meiner Gesangsausbildung in kurzen Zeitabständen viele Stunden gegeben hat. Am Konservatorium ist das nicht möglich, da hat man vielleicht zwei Stunden pro Woche. Die Vorteile dort sind, dass man all die anderen Musiker hören kann, dass man mit vielen Leuten verbunden ist und eine schöne Zeit mit Kommilitonen hat. Wenn man alleine ist, wie ich es war, hat man keine Referenzen, was die anderen machen: Wie sie arbeiten, wie sie studieren, wie sie sich vorbereiten? Ich musste das alleine lernen. Aber weil ich meinen Unterricht derart konzentriert bekam, entwickelte sich meine Gesangstechnik sehr schnell.

Eine Ihrer Lehrerinnen, Helene Isepp, war eine deutschsprachige Gesangspädagogin. Was haben Sie von ihr gelernt?

Sie hat in den Dreißigern Wien verlassen und kam mit ihrer Familie herüber. So wie in dieser Zeit viele Intellektuelle aus Deutschland und Österreich nach England übergesiedelt sind. Akademiker, Wissenschaftler, Künstler, sie alle brachten in dieses Land eine Fülle von europäischen Standards, von europäischem Denken, von europäischer Disziplin. Und Helene Isepp war Teil davon. Abgesehen davon, dass sie mir diese fantastische Art zu singen beigebracht hat, habe ich durch sie zu verstehen begonnen, was zu dieser Zeit in Europa los war – nicht nur in einem nationalen Sinne. Von diesem kulturellen Denken war ich enorm begünstigt.

Welches war die härteste Lektion, die Sie als Gesangsstudentin lernen mussten?

Eben jene Verantwortung zu akzeptieren, dass man, egal wie man sich fühlt, immer versuchen muss, das Beste aus sich herauszuholen. Das ist besonders für Sänger schwierig, die so abhängig sind von ihrem körperlichen Zustand: Müdigkeit oder einer Erkältung. Es interessiert die Leute im Publikum nicht, ob man erkältet ist. Sie wollen, dass man auf die Bühne kommt und das Konzert gibt, für das sie bezahlt haben. An einem Opernhaus ist es etwas anderes, weil es in der Regel einen Einspringer gibt. Wenn allerdings die Carnegie Hall voller Menschen sitzt, die dafür bezahlt haben, dich zu hören, ist Absagen einfach undenkbar. Ebenfalls nur schwer zu akzeptieren ist die Tatsache, dass man niemals weiß, ob man wirklich sein Bestes gegeben hat. Man weiß, dass man sich gut vorbereitet hat und dass die Umstände alle gut sind, und man hofft, dass die Magie, egal woher sie kommen mag, passiert. Aber man kann sich niemals sicher sein, ob es passiert und dass man wirklich sein Allerbestes gegeben hat. Es ist weise, das im Hinterkopf zu behalten. Außerdem habe ich über die Jahre gelernt, niemals Perfektion zu erwarten. Keiner von uns ist perfekt, auch wenn wir es sein wollen. Aber es muss immer diesen Freiraum geben, der uns erlaubt, Mensch zu sein.

Sie waren eine der berühmtesten Sängerinnen Ihrer Generation und sind bis heute eine der bekanntesten englischen Konzert- und Opernsängerinnen. Wie sind Sie mit dem Ruhm umgegangen?

Briten haben eine Tendenz, diese Dinge etwas herunterzuspielen. Ich komme aus einem Teil Englands, aus dem Norden, wo einem die eigene Berühmtheit nicht so stark gezeigt wird, weder von der Familie und Freunden noch vom Publikum. In dieser Sache sind wir sehr zurückhaltende Menschen. Ruhm ist eine tolle Sache, ich sage nicht, dass bekannt zu sein und Erfolg zu haben schlecht ist. Aber er kann sehr gefährlich werden, wenn man sich selbst wichtiger nimmt, als man ist. Deshalb ist es wichtig, hier klare Grenzen zu ziehen und immer daran zu denken, dass man Teil eines Teams ist. Die größten Künstler sind meist demütig und arbeiten gut mit anderen zusammen. Der Primadonnen-Faktor ist meist in Ketten gelegt, und das ist gut so, denn es wird sehr gefährlich, wenn er außer Kontrolle gerät.

Janet Baker mit Adrian Boult. Ihre gemeinsame Aufnahme von Brahms‘ „Alt-Rhapsodie“ gehört zu den Höhepunkten der Diskographie.
<i>Janet Baker mit Adrian Boult. Ihre gemeinsame Aufnahme von Brahms‘ „Alt-Rhapsodie“ gehört zu den Höhepunkten der Diskographie.</i>

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe August 2013