Wiener „Neujahrskonzert“

Von Braun zu Gold gewalzert

An Silvester 1939 spielten die Wiener Philharmoniker erstmals ein Johann-Strauß-Konzert zum Jahreswechsel. Was zunächst Propaganda-Zwecke bediente, wurde zur Keimzelle für das mediale Megaereignis des Klassik-Jahres: das Wiener „Neujahrskonzert“. Clemens Haustein erhielt Einblicke ins Archiv der Philharmoniker.

Foto: Terry Linke/Wiener Philharmoniker
Daniel Barenboim beim Neujahrskonzert
der Wiener Philharmoniker 2014 – nur einer
aus der Riege glanzvoller Dirigenten seit 1939. Foto: Terry Linke/Wiener Philharmoniker

Am 3. Januar 1943 waren im Wiener „Neuigkeits-Welt-Blatt“ folgende blumige Zeilen zu lesen: „Das gehört nun auch schon zu den treu gehegten Überlieferungen einer Wiener Musikübung: Jedesmal am Beginn eines neuen Jahres treten die Herolde und Trabanten der hohen Frau Musica vindobonensis heraus aus der Königswelt ewig erhabener Symphonien, glanzvoller Opernfestspiele und ziehen – ein frohbeschwingter, lachender, tanzender, prickelnder, seliger Reigen – hinüber in ein anderes Reich, das eine nicht minder erlauchte, königliche Musikerdynastie in unserer Stadt zu gleichfalls ewiger Herrschaft aufgerichtet hat: die Wiener Philharmoniker spielen im Großen Musikvereinssaal unter Leitung von Klemens Kraus (sic!) Meister unserer Wiener Musik.“ Im Vorteil ist, wer lange Sätze mag und ein bisschen Latein kann.

Von „treu gehegter Überlieferung“ zu sprechen, war zu diesem Zeitpunkt mutig. An jenem 1. Januar 1943 fand das Johann-Strauß-Konzert zum Jahreswechsel erst zum vierten Mal statt. Das erste dieser Konzerte spielten die Wiener Philharmoniker unter Clemens Krauss an Silvester 1939, also vor 75 Jahren.

So sehr der Rezensent des NS-treuen „Neuigkeits-Welt-Blattes“ eine Tradition beschwören wollte: Er wusste offenbar, auf welch tönernen Füßen die „treu gehegte Überlieferung“ noch stand. In seiner Rezension schließt sich eine Verteidigungsrede für die Walzer-Musik an, mit der die ernsten Konzert- und Operngänger im damaligen Wien wohl doch zunächst ihre Probleme hatten: „Das mag nur einer als ‚standeswidrig‘ empfinden, in dessen Seele dieses philharmonisch wienerische Musizieren keinen Widerhall findet, der nicht fähig ist, aus solchen Klängen das Herz Wiens schlagen zu hören. Kann es den aber überhaupt geben?“ Es folgen mehr oder weniger überlieferte Zitate von Richard Wagner, Anton Bruckner („A Walzer von Johann Strauß is o a Symphonie!“) und Johannes Brahms, die ihrer Bewunderung für die Musik der Sträuße Ausdruck geben.
Was sich heute als das sWiener Traditionskonzert schlechthin gibt, glanzvoll platziert zwischen Tonnen von Blumenschmuck, dass man den Ursprung am liebsten zu Zeiten von Kaiser Franz Joseph vermuten möchte, nahm einen eher profanen Beginn an Silvester 1939, ein Jahr nach dem „Anschluss“ Österreichs an Nazideutschland. Eine Zeit, mit der sich niemand gerne beschäftigt. Erst recht wohl, wenn Gefahr besteht, eines der glamourösesten, imagefördernsten und am besten vermarktbaren Klassik-Events des Jahres zu beschädigen. So haben sich die Philharmoniker lange Zeit nicht viel um diese Vergangenheit gekümmert – vielleicht hatten sie mit ihren unzähligen Opern- und Konzertdiensten auch einfach zu viel zu tun. Als 2012 der Umgang des Orchesters mit seiner Geschichte jedoch zunehmend in der Öffentlichkeit diskutiert wurde, setzte der damalige Orchestervorstand Clemens Hellsberg eine Historikerkommission um den renommierten Wiener NS-Forscher Oliver Rathkolb ein, um unter anderem auch Licht in die Geschichte der Neujahrskonzerte zu bringen. Hellsberg selbst hatte 1992 in seiner Orchesterbiographie „Demokratie der Könige“ als Erster die Vergangenheit des Ensembles während des Nationalsozialismus thematisiert.

Warum kam es Silvester 1939 zum ersten Johann-Strauß-Konzert? Rathkolb und sein Historikerkollege Fritz Trümpi stellten verschiedene Beweggründe fest. Zunächst: Ohne den Dirigenten Clemens Krauss hätte es diese Konzerte nicht gegeben. Der in Wien geborene Krauss hatte ein persönliches Faible für die Musik der Strauß-Familie, er ließ bei seinen Auftritten mit den Philharmonikern immer wieder Walzer und Polkas als Zugabe spielen und führte im Sommer 1939 mit dem Orchester bereits ein reines Strauß-Programm bei den Salzburger Festspielen auf. Im Orchester gab es jedoch nach wie vor starke Vorbehalte gegen die „leichte“ Musik. Zu Lebzeiten von Johann Strauß Sohn hatte sich das Ensemble lange geweigert, dessen Werke zu spielen.

Clemens Krauss’ Liebe zur Walzer-Musik (und wohl auch sein Drang zu großen Auftritten) traf sich nach dem Anschluss Österreichs mit der Idee Joseph Goebbels’, Wien als Stadt „des Optimismus, der Musik und der Geselligkeit“ zu inszenieren. In seinem Buch „Politisierte Orchester“ hat Fritz Trümpi auf diesen Punkt verwiesen und gezeigt, wie zu jener Zeit die Aufführung von Werken der Strauß-Familie durch die Philharmoniker sprunghaft zunahm. Der Bedarf an „leichter“ Musik war hoch: Propaganda hieß besonders zu Kriegszeiten, die Moral in der Heimat aufrechtzuerhalten. Dafür warf man sogar die eigene Rassenlehre über den Haufen: Im Taufregister des Wiener Stephansdoms war der Urgroßvater des Walzerkönigs als „getaufter Jud“ eingetragen, Johann Strauß Sohn wäre demnach „Achteljude“ gewesen. Goebbels ließ das Taufregister kurzerhand beschlagnahmen, die entsprechende Seite wurde herausgeschnitten.

Es waren mithin auch Berliner Interessen, die zur Gründung der Neujahrskonzerte führten. Von Anfang an wurden die Johann-Strauß-Konzerte im „Großdeutschen Rundfunk“ übertragen, die Verhandlungen über die Einzelheiten der Konzerte wurden zwischen dem Rundfunk und Clemens Krauss geführt, die Philharmoniker selbst waren bei den Entscheidungen kaum beteiligt. Eigentlich sei es der „preußische Blick auf Wien“, der in diesen Anfangsjahren in der Inszenierung der Konzerte zum Ausdruck komme, sagt Oliver Rathkolb im Gespräch: „Darin steckt auch eine gewisse Tragik: Einerseits wurde ein Teil Wiener Musiktradition wiederbelebt, andererseits geschah das fast ausschließlich zu Propagandazwecken. Die Philharmoniker wurden dabei im Grunde als Propagandainstrument missbraucht.“ Die Einnahmen der Konzerte wurden zunächst dem „Kriegs-Winterhilfswerk“ zur Verfügung gestellt, später der Organisation „Kraft durch Freude“.

Das erste Konzert fand in der Wiener Presse eher geringen Widerhall. Nur in einer kurzen Notiz im „Neuigkeits-Welt-Blatt“ vom „3. Jänner 1940“ wird vom Rezensenten die „Wiener Walzerseligkeit“ besungen: „Da lag auf allen Gesichtern der Zuhörer das glückliche Lächeln der musikalischen Erregung“. Als im folgenden Jahr die Idee eines Konzertes nicht an Silvester, sondern an Neujahr aufkam, fürchtete Clemens Krauss in einem Brief an den Orchestervorstand Wilhelm Jerger, „dass die Nachwirkungen des Silvester den Konzertbesuch am 1. Januar unter Umständen recht ungünstig beeinflussen könnten.“ Das Konzert fand dennoch an Neujahr 1941 statt und war damit das erste eigentliche Neujahrskonzert. In der Ehrenloge des Musikvereins-Saals, saß, wie den „Wiener Neuesten Nachrichten“ tags darauf zu entnehmen ist, unter anderem „Staatsrat Doktor Furtwängler“. Zum Jahreswechsel 1944/45 spielten die Philharmoniker und Clemens Krauss das Programm gleich an sieben Tagen. Gute Laune war bitter nötig.

Nach dem Krieg wurden die Neujahrskonzerte nahtlos weitergeführt, 1946 und 1947 zunächst unter Josef Krips, dem damals einzigen namhaften Dirigenten aus Österreich, der unbelastet geblieben war. Wegen der jüdischen Herkunft seines Vaters hatte Krips unter den Nazis Berufsverbot. 1948 kehrte Clemens Krauss wieder ans Pult der Neujahrskonzerte zurück. Krauss, dem sich kaum ideologische Nähe zum Nationalsozialismus nachweisen ließ, wohl aber rücksichtsloses Karrieredenken, das ihn sich dem Regime andienen ließ, war von den Alliierten mit einem zweijährigen Auftrittsverbot belegt worden.

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Clemens Krauss (r.) und sein Nachfolger Willi Boskovsky. Mit Geige in der Hand leitete der Konzertmeister die Neujahrskonzerte 24 Jahre lang. Foto: PR

Den kompletten Artikel lesen Sie in der Ausgabe Februar 2015