Rezension November 2018

Stefan Schultze | System Tribe

Welche Entwicklung die pianistische Klangkunst mal nehmen würde, dass konnte Hans Fritz Beckmann kaum ahnen, als er 1941 mit Friedrich Schröder für Johannes Heesters den Hit „Man müsste Klavier spielen können“ schrieb. Mit den unsterblichen Zeilen „Wer Klavier spielt hat Glück bei den Frau’n. Weil die Herrn, die Musik machen können, schnell erobern der Damen Vertrau’n.“ Wovon Jazzmusiker gewiss kein Lied singen können.

Für Stefan Schultze freilich könnte sich mit seinem Soloalbum die Situation durchaus ändern. Denn erstens nimmt er seinen Flügel als das ernst, was er von Hause aus ist, nämlich ein Perkussions-Instrument. Und zweitens knüpft der John-Taylor-Schüler mit seinen raffinierten Klang-

inszenierungen höchst intelligent an die Techno-Erfolge von Hauschka usw. an, auf die anspruchsvollere Twens derzeit mächtig abfahren. Es ist eine kunstvolle Mischung aus Neuer Musik und Jazz, ext-
remer Mikrofonierung plus etwas Overdub und vor allem heftigst präpariertem Saitenkasten, die der 39-Jährige hier für vibrierend-intensive Soundscapes von eigentümlich flirrendem Reiz nutzt. 

Da plinkern beim Titeltrack zunächst repetitive Single-Notes, dann gesellen sich Kalimba-mäßige Akzente hinzu, grummelt es plötzlich im Bass – und dann explodiert die groovige Chose in rockiger Ekstase. „Silva“ schwebt dagegen in feinziselierten Kontrasten von hellen und dunklen Farben. Während „Culture Vulture“ minimalistische Pattern mit perkussiven Einwürfen hypnotisch verbindet, was absolut Dancefloor-tauglich ist. Ein fabelhaftes Wechselbad sinnlicher Geräuschhaftigkeit („Tong-Gu“) und großer Emotionen, das mit „Fade“ sensationell delikat endet.

Sven Thielmann