Rezension September 2018

Tord Gustavsen Trio | The Other Side

Als 2008 der Kontrabassist Harald Johnson krankheitsbedingt aus dem Tord Gustavsen Trio ausscheiden musste und 2011 im Alter von nur 41 Jahren verstarb, waren das harte Schläge für Tord Gustavsen. Seitdem spielte der erfolgreiche norwegische Pianist in unterschiedlichen Besetzungen und kehrt erst jetzt, nach elf Jahren, wieder zu einer festen Triobesetzung zurück: mit dem bewährten Drummer Jarle Vespestad sowie dem neuen Kontrabassisten Sigurd Hole. Beide fügen sich nahtlos in den homogenen Gruppensound ein, der dominiert wird von Gustavsens feinem, singenden Pianospiel.

Man geht wohl nicht zu weit, wenn man das Album „The Other ­Side“ als späte Trauerarbeit interpretiert, gründend nicht zuletzt auf Chorälen. Im Mittelpunkt stehen drei Werke Bachs. In „Komm, o Tod, du Schlafes Bruder“ aus der Kantate „Ich will den Kreuzstab gerne tragen“ geht es um die Erlösung eines Kranken von seinen Leiden, aus der getragenen Vorlage formt das Trio ein melancholisches, gleichwohl groovendes Stück Jazz – gänzlich unsentimental und gerade deshalb ergreifend. Während die drei dort im Vergleich das Tempo anziehen, verlangsamen sie es beim Ausschnitt aus der Motette „Jesu, meine Freude“, wodurch die zuversichtliche Botschaft zunächst in Frage gestellt wird. Zum Höhepunkt wird das Passionslied „O Traurigkeit, o Herzeleid“, das Gustavsen kontemplativ beginnt, um es dann dramatisch zu steigern – ein herzzerreißendes musikalisches Gebet.

„The Other Side“ ist ein Bekenntnis zwischen meditativer Besinnlichkeit und hymnischer Emphase, inspiriert von Bach-Chorälen, norwegischen Folk-Traditionals und Modern Jazz fügt der ehemalige Kirchenorganist Gustavsen hier divergierende Stile nahtlos zu einem großen Ganzen.

Andreas Kunz