Rezension August 2018

Bach Consort Wien | Vivaldi: Stabat Mater, Gloria & Other Works (Live)

An Aufnahmen von Vivaldis „Stabat Mater“ herrscht kein Mangel. Wenn sich nun auch Andreas Scholl diesem Werk widmet, steht er schon irgendwie unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Dass dies in einem Live-Mitschnitt geschieht, zeugt dabei außerdem von einem nicht geringen Selbstbewusstsein.

Je öfter man die Aufnahme hört, desto mehr überzeugt allerdings seine Entscheidung, denn sie atmet eine Unmittelbarkeit und eine Intensität, wie sie in einem Studio wohl kaum einzufangen gewesen wären. Ähnliches gilt natürlich auch für die Introduktion zum Miserere „Filiae Maestae Jerusalem“, die auch durchgehend für Alt geschrieben ist. Auf die Souveränität seiner musikalischen Gestaltung ebenso wie seine stimmlichen Qualitäten kann er – und mithin auch der Hörer – sich ohnehin verlassen, doch geht so mancher Satz unmittelbar unter die Haut. An diesem Effekt nicht unbeteiligt ist das Bach Consort Wien, das weiß, wie es manche Affekte instrumental unterstützen kann, ohne zu übertreiben und damit in eine gewisse Beliebigkeit zu verfallen. Über seine Spielkultur und durchaus intensive Gestaltungsmöglichkeiten unterrichtet auch das einleitende Concerto in g-Moll, das zahlreiche packende Momente bereithält.

Gewiss als Steigerung gedacht sind die beiden Schlussstücke, das „Lauda Jerusalem“ und das Gloria RV 589, die eine größere Besetzung schon allein durch die Mitwirkung eines Chores verlangen. Vielleicht ist es der Akustik des Stifts Klosterneuburg geschuldet, dass der Salzburger Bachchor fast schon zu kraftvoll, dafür aber ein wenig undifferenziert singt, auch wenn etwa die starken Spannungsbögen in „Et in terra pax“ sehr wirkungsvoll gelingen. In beiden Schlussstücken kommen dann auch die beiden Sopranistinnen zum allerdings sparsamen Einsatz; ihre Kostprobe fällt durchaus geschmackvoll aus. Es bleibt als einziges kleines Manko die nicht optimale Akustik des Stifts, die vor allem in den Tutti-Blöcken wenig Differenzierung erlaubt.

Reinmar Emans