Rezension August 2018

Belcea Quartet | Shostakovich: String Quartet N

Was auch immer das Belcea Quartet anfasst, sei es im Konzert oder auf Tonträger – es wird zum eindringlichen Erlebnis und zu einer Demonstration dessen, was an Differenzierung, Lebendigkeit und Präzision in der Kammermusik möglich ist.

Das jüngste Album des Ensembles widmet sich dem Schaffen von Dmitri Schostakowitsch und offenbart gleich mit dem ersten Satz eine Fülle an Farben und Charakteren, die die Streicher zu einer packenden Erzählung verdichten. Etwa wenn sich das demonstrativ harmlos düdelnde Anfangsmotiv im Mittelteil zu einer bedrohlichen Geste verfinstert und damit jene für Schostakowitsch so typische Unsicherheit sät. Man kann nie wissen, ob sich ein Lächeln im nächsten Moment zu einer höhnischen Fratze verzerrt.
Diese Atmosphäre der Angst ergreift im weiteren Verlauf Besitz von der Musik. Todeskalt ticken die Staccati im zweiten Satz, zwischen deren Tongerippe die fahlen Klänge der ersten Geige hindurchwehen. Die Forte-Attacken im anschließenden Allegretto non troppo klingen wie auskomponierte Gewalt – jeder Akkord ein brutaler Schlag, schmerzhaft und erbarmungslos. Nein, die Aufnahme verhehlt nicht die bisweilen alptraumhafte Düsternis des Stücks, sondern lotet dessen Extreme aus und entfacht so eine beklemmende Intensität. Das Grauen des Krieges und der Terror des Stalin-Regimes hallen in der Musik nach.

Auch der vordergründig freundlichere Charakter des Klavierquintetts – vom Belcea Quartet mit seinem kongenialen Klavierpartner Piotr Anderszewski eingespielt – wird von den Interpreten kunstvoll in Frage gestellt: indem sie etwa die Süße im einleitenden Präludium einen Tick zu verklärt herausstellen, als dass sie echt sein könnte, oder indem sie den Frohsinn im Scherzo als aufgesetzt entlarven. Zugleich lassen die Streicher und Anderszewski im Intermezzo jene Sehnsucht nach Schönheit aufscheinen, die ja auch zur komplexen Wahrheit von Schostakowitsch gehört.

Marcus Stäbler