Rezension August 2018

Dora Deliyska | The B-A-C-H Project

Die Vorstellung, dass das Ganze mehr als die Summe seiner Einzelteile ist, wird durch Dora Deliyskas B-A-C-H-Projekt sinnlich erfahrbar.

Der in Wien ausgebildeten bulgarischen Pianistin gelingt es, Stücke aus dem ersten Band von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ mit Teilen von Schostakowitschs Präludien und Fugen op. 87 sowie Chopin-Etüden auf so überzeugende Weise miteinander zu kombinieren, dass die Sammlung selbst zu einem kreativen Kunstwerk wird.

Deliyska hat die Stücke genau analysiert, ihre Verwandtschaften und Unterschiede bei der Auswahl minutiös berücksichtigt, sodass beim Hören der Eindruck eines geheimen Bandes entsteht, und dies selbst dort, wo der Kontrast nicht größer sein könnte: An Bachs ätherisch ausgeleuchtetes, taktil-zart gespieltes C-Dur-Präludium schließt die Pianistin die mit fulminanter Pranke und vorwärtsdrängendem, diesseitigem Optimismus dargebotene Chopin-Etüde der gleichen Tonart an. Die gemeinsame Tonart C-Dur und der strukturelle Aufbau aus gebrochenen Akkorden zeigen, dass beide Stücke in ihrer direkten Gegenüberstellung zwei Seiten einer Medaille sind: Der zerbrechliche innere Kosmos des Bach-Präludiums steht der extrovertierten Weltoffenheit der Chopin-Etüde gegenüber.

Den Beziehungszauber der Detailabfolge entfaltet Dora Deliyska auch bei der Konzeption des Gesamtzusammenhangs. Das in vier Abschnitte aufgeteilte Programm ergibt durch die identischen Tonarten bzw. das Tongeschlecht der Kompositionen die Silbenabfolge B-A-C-H. Bei aller analytisch anmutenden Tüftelei entsteht hier jedoch nie der Eindruck des theoretisch Konstruierten. Die lebendig fließenden Übergänge und die stilistische Feinfühligkeit der Pianistin für die Eigenheiten Bachs, Chopins und Schostakowitschs lassen eine magische Verbindung von drei Komponisten aus drei Jahrhunderten entstehen.

Frank Siebert