Rezension August 2018

Karine Deshayes | Marteau: Sämtliche Werke für Streichquartett Vol. 1

Den Namen Henri Marteau (1874-1934) kennt man heute, wenn überhaupt, fast nur in Fachkreisen rund um Max Reger. Der aus Reims stammende Geiger hatte einst viele Violinwerke seines Weggefährten und Freundes (ur)aufgeführt.

Den Namen Henri Marteau (1874-1934) kennt man heute, wenn überhaupt, fast nur in Fachkreisen rund um Max Reger. Der aus Reims stammende Geiger hatte einst viele Violinwerke seines Weggefährten und Freundes (ur)aufgeführt. 1910 allerdings zerbrach die Freundschaft zwischen dem französischen Virtuosen (und, wie wir jetzt wissen, begnadeten Komponisten) und dem teutonischen Tonsetzer – und fast möchte man darin einen Vorschein der großen Entzweiung erblicken, die sich vier Jahre später auf europäischem Boden brutal zu vollziehen begann.
Diese CD zeigt: Wenn es ein Werk gibt, das das Beste aus den zwei Musikwelten Frankreich und Deutschland miteinander vereint, verbindet und versöhnt, dann ist es Marteaus Streichquartett Nr. 2 in D-Dur von 1905. In seiner kontrapunktischen Dichte und Gelehrtheit, seiner chromatischen Faktur und harmonisch expressiven Anlage ähnelt es – bis in die Abfolge der Sätze hinein (Andante nach dem Scherzo) – den Reger’schen Quartetten, auf deren Spuren Marteau hier wandelt, ohne dabei unter ihre Räder zu kommen.

Auf der anderen Seite atmet Marteaus Quartett mit jeder Note die Klarheit, Eleganz, Noblesse und den Odeur genuin französischer Musik, die im impressionistischen dritten Satz dann gleichsam zu sich selbst kommt. Etwas schlichter in der Anlage, dabei aber ungemein verführerisch und klangsinnlich, präsentieren sich die 1914-17 entstandenen Huit Mélodies. Karine Deshayes’ warmer Mezzosopran schmiegt sich den französischen Lyriktexten kongenial an, verzaubert die Lieder zu funkelnden Kleinodien. Und das (nach dem katalanisch-spanischen Komponisten Andrés Isasi) benannte Quartett-Ensemble bringt die französische und deutsche Klangwelt wunderbar in Einklang. Diese CD ist eine hochwillkommene Bereicherung der noch immer viel zu schmalen Marteau-Diskografie.

Burkhard Schäfer