Rezension August 2018

Vineta Sareika | Edvard Grieg: Violin Sonatas

Seit fünf Jahren ist die lettische Geigerin Vineta Sareika Primaria des Artemis-Quartetts, gleichwohl bleibt ihr – hin und wieder – noch Zeit für ein solistisches Projekt. 2016 veröffentlichte sie eine Einspielung von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ (ein bisschen Barock kann beim gänzlich barocklosen Artemis-Alltag ja nicht schaden), nun folgen die drei Violinsonaten von Edvard Grieg.

Zusammengetan hat sie sich dafür mit der französischen Pianistin Amandine Savary, aufgenommen wurde in Brüssel – Verbindungen zu früheren Wirkungsstätten Sareikas: In Paris am Conservatoire hat sie studiert, in Belgien kurzzeitig im Orchester gespielt. Dass Griegs Romantik bei Sareika und Savary nie massiv oder klebrig wird, hängt vielleicht auch mit dieser musikalischen Sozialisation zusammen.

Mit quecksilbriger Beweglichkeit spielt die Geigerin, mit wachem Ohr für die feinen Farbnuancen in Griegs Musik, für die auch im Dramatischen noch zart erscheinenden Empfindungen – und mit echtem Gespür für den norwegischen Ton, der sich durch alle drei Sonaten zieht. In den ersten beiden Sonaten taucht er noch isoliert auf in Einzelsätzen (Niels Wilhelm Gade, Griegs Mentor in Kopenhagen, rümpfte pikiert die Nase über den „allzu norwegischen“ Springtanz, mit dem die zweite Sonate endet), in der dritten Sonate, die erst zwanzig Jahre später entstand, erscheint dieser Ton ganz natürlich in Griegs Tonsprache integriert.
Es bildet sich hier ja auch Edvard Griegs Entwicklungsweg ab: vom klassischen, warm-beschaulichen Stil, wie er ihn bei seinem Studium in Leipzig kennengelernt hatte (und wie er noch im ersten Satz der ersten Sonate zu hören ist), hin zum frei gestalteten Drama, wie es die letzte Sonate zeigt. Vineta Sareika und Amandine Savary, die der Geigerin in Beweglichkeit und Farbensinn nicht nachsteht, erzählen diese Geschichten mit feinem Enthusiasmus.

Clemens Haustein