Rezension Oktober 2018

Yo-Yo Ma | Six Evolutions - Bach: Cello Suiten

Zum dritten Mal kraxelt Yo-Yo Ma auf den Mount Everest der Celloliteratur. Genau wie der höchste Berg der Welt sind Bachs sechs Cellosuiten technisch nicht allzu schwierig zu bewältigen. Und doch haben sie eine ganz eigene Anziehungskraft auf Interpreten wie auf die Zuhörer, weil sie dem Solisten so viel Gestaltungsfreiraum lassen wie sonst kaum eine der großen Kompositionen für das Cello.

Es ist also verständlich, wenn Yo-Yo Ma den dritten Aufstieg wagt, denn es gibt immer wieder neue Facetten auszuleuchten. Und vielleicht muss man die Suiten auch zum dritten Mal einspielen, um die Tempi so frei zu gestalten, wie Ma das tut. Es ist, wie wenn ein routinierter Alpinist, der schon zweimal auf dem Everest war, es beim dritten Mal ohne Sauerstoffgerät probiert. Ma kennt die heiklen Stellen in Bachs Werk und meistert sie souverän. Er beherrscht die Pflicht und kann dafür umso überzeugender küren.
Der Titel der CD, Six Evolutions, lässt sich als Chiffre lesen für die Entwicklung, die Mas Interpretationen durchgemacht haben. Er spielt heute langsamer als früher, nimmt sich mehr Zeit, die Melodien auszugestalten und die Mehrstimmigkeit herauszuarbeiten. Er hat es nicht nötig, mit Virtuosität zu glänzen – nicht einmal in den rasanten Schlusssätzen, weil er die zahllosen Details zum Tanzen bringt, die aus Bachs Notentext hervorplatzen.

Die Aufnahme hallt weniger als Mas frühere Einspielungen, und darum wirkt es, als würde man ihm direkt gegenübersitzen, während er spielt, nicht irgendwo hinten im Kirchenschiff. So erlebt man als Hörer Momente voller Zutrauen, als sei man ganz allein mit einem Solisten, der nur für einen selbst die Saiten streicht. Dazu trägt auch der sanfte, wie ein Lagerfeuer flackernde Klang von Mas Cello bei.
Man wirft Altmeistern ihres Faches ja manchmal vor, ihnen komme die Inspiration abhanden. Bei Yo-Yo Ma scheint das Gegenteil der Fall zu sein.

Ole Pflüger