Rezension Setember 2018

Alexander Hülshoff | Gernsheim: Complete Cello

Für Friedrich Gernsheim (1839-1916), der ähnlich wie sein (cpo-) Kollege Heinrich von Herzogenberg notorisch im Schatten von Brahms steht, legt sich das Osnabrücker Label mächtig ins Zeug. Die Aufnahme mit den drei 1868, 1906 und 1914 entstandenen Cellosonaten, ergänzt um die Zugaben „Elohenu“ (1881) – eine Replik auf Max Bruchs „Kol nidrei“ – und Andante für Cello und Klavier (1898), ist bereits die vierte CD des Meisters unter dem Dach von cpo.

Was die Intensität und Expressivität der Darbietung betrifft, ist sie vielleicht die bislang überzeugendste. Denn Alexander Hülshoff, auch Cellist beim Trio Bamberg, und Trüffelsucher Oliver Triendl sind hier so unüberhörbar vital und – fast möchte man sagen – angriffslustig in ihrem Element, dass der Funke schnell überspringt und man gar nicht anders kann, als Feuer für diese – ja, zugegeben – von Brahms inspirierte, dabei jedoch keinesfalls unoriginelle Musik zu fangen.

Es hätte eine mustergültige CD werden können – wäre cpo nicht schon wieder der Marotte verfallen, die Werke ihrer (vermeintlichen) Güte oder Bekanntheit nach anzuordnen. Und so hören wir die Sonaten hier leider nicht in der Reihenfolge ihrer Entstehung, sondern genau umgekehrt. Das ist speziell in diesem Fall besonders unglücklich, weil Gernsheims Sonaten quasi aufeinander aufbauen. Wer die Tonsprache des einst berühmten, heute weitgehend vergessenen Romantikers nachvollziehen und ihre Entwicklung durch die drei Sonaten hindurch verfolgen oder ein kleines „Hörabenteuer an unbekanntem Material“ erleben will, dem sei dringend angeraten, mit der frühen d-Moll-Sonate zu beginnen und sich von diesem Werk aus zu Gernsheims riesenstarkem Opus 87 vorzuarbeiten. Was bei den Werkkommentaren im Booklet recht ist – die chronologisch korrekte „Erzählung“ –, sollte beim Anhören billig sein. Abgesehen von diesem allerdings gewichtigen Einwand ist es ansonsten eine wichtige und schöne CD.

Burkhard Schäfer