Rezension Setember 2018

Juliane Banse | Hindemith: Das Marienleben

Hindemiths „Marienleben“ op. 27 gilt als eines der programmatischen Hauptwerke der Neuen Musik; Glenn Gould hielt es für den größten je geschaffenen Liedzyklus (in der Urfassung von 1923/24, die er 1978 mit Roxolana Roslak auf Platte eingespielt hat).

Und in der Tat ist dem Komponisten hier so etwas wie die Quadratur des Kreises gelungen, stellt er doch Rilkes mystisch durchglühter Poesie eine kompromisslose musikalische Konstruktion gegenüber, kreiert sozusagen Hülsen aus gehärtetem Material, die Rilkes Worte vor dem Schaden äußerer Einflüsse bewahren. Und er gibt den Gedichten, wie es der im Booklet zitierte Hans Mersmann formulierte, „die Spannungen und die weiten Innenräume der Kirche, welcher ihre sakrale Welt bedarf“. Wobei das Werk zugleich den Wandel des Komponisten vom Expressionismus zur Neuen Sachlichkeit mitvollzieht.

Später war Hindemith im Hinblick auf diese doch außerordentlich schwierige Komposition recht skrupulös; er fand, in der Erstfassung „nicht sein Bestes“ abgeliefert zu haben, und überarbeitete sie im Lichte seiner altersweisen Meisterschaft des Neobarock – nicht zuletzt auch im Sinne eines leichteren Zugangs. Wobei er die Komposition grundlegend veränderte, sodass man eigentlich von zwei verschiedenen Werken sprechen muss.

Juliane Banse und ihr pianistischer Begleiter Martin Helmchen haben sich zu Recht für die deutlich härtere und technisch ungleich schwierigere erste Version entschieden. Banse singt und interpretiert sensationell, mit unnachahmlicher Eindringlichkeit und Tiefe des Ausdrucks. Die gesamte Skala vom zarten Hauch bis zum dramatischen Auftrumpfen steht ihr wie selbstverständlich zur Verfügung. Schönheit, Stimmigkeit und Wahrheit der Gestaltung sind ineinander verwoben. Und Helmchen ist mit wunderbarem Spiel eher Mitgestalter denn Begleiter. Eine exemplarische Aufnahme; ein Präzedenzfall.

Gerhard Persché