Rezension März 2019

Accademia Bizantina, Ottavio Dantone, Emőke Baráth | Vivaldi: Il Giustino

Wie so oft in der Barockoper gibt es bei „Il Giustino“ ein unübersichtliches Geflecht von Intrigen, Wutaus­brüchen, Liebesschmerz, heroischen und niederträchtigen Taten. Der Bauer Giustino, der von Ruhm und Ehre träumt, bringt es am Ende durch seine Heldentaten zum Co-Kaiser von Konstantinopel. Das alles ist aber nur die Folie für ein Arsenal von über 40 Arien, eine schöner als die andere.

 

In „Su l’altar“ beschwört Giustino seine Heldentaten, von der Mezzosopranistin Delphine Galou mit fast schon hochdramatischem Impetus herausgeschmettert. Dazu peitscht das Orchester mit der Wucht einer klirrenden Schlachtreihe. Giustinos spätere Gattin Leocaste vermeldet in „Sventurata navicella“, dass echte Liebe niemals enttäuscht wird, anders als ein kenterndes Schiff, das dem Sturm ausgesetzt ist. Ein echter Ohrwurm, den die Sopranistin Verónica Cangemi keck und kurz hinwirft. Und auch hier ein brillant-virtuos kommentierendes Orchester. So geht es die ganze Zeit, lauter fein gezeichnete Miniaturen, etwa ein anmutiges Liebesgeständnis von Arianna, der Frau des Hauptkaisers, „Mio dolce amato sposo“, von Emöke Baráth mit betörenden kleinen Glissandi dargebracht. Der Kaiser Anastasio, eine Mezzopartie, hat seiner Frau schon vorher in „Vedrò con mio diletto“ seine Zuneigung kundgetan. Silke Gäng singt zu einem herzpochenden Orchester wunderschöne Linien, die sie im Da-capo mit Eleganz und Hingabe ausziert und ihre Stimme in schönsten Crescendi blühen lässt.
Die geschmackvolle Auszierung der Da-capo-Teile ist eine Spezialität von Ottavio Dantone, die er mit den Sängern sorgsam erarbeitet hat, genauso wie die sprechende und emotionale Ausgestaltung der Rezitative mit unzähligen Besetzungsvarianten des Continuo, mal Lautentupfer, mal arpeggierendes Cembalo, mal dunkel drohende Streicher. Das Ganze ist in einen absolut transparenten und zugleich angenehm blühenden Klang gebettet, eine echte Ton-Meister-Leistung.

Richard Lorber