Weichgezeichnet

Eigentlich ist vieles in Ordnung mit dieser Einspielung von Mahlers sinfonischem Erstling. Christoph Eschenbach spannt einen imponierenden dramaturgischen Bogen über die vier Sätze hinweg; seine Tempowahl ist stets stimmig. Das Deutsche Symphonie-Orchester Berlin imponiert mit famoser Spielkultur und bietet Glanzleistungen in allen Instrumentengruppen. Und nicht zuletzt hat die Tontechnik ganze Arbeit geleistet und für ein ebenso opulentes wie transparentes und tiefenscharfes Klangbild gesorgt.

Und dennoch macht Eschenbachs Interpretation nicht restlos glücklich. Nach einer spannend und atmosphärisch musizierten Einleitung vermisst man im Hauptteil des Kopf ­satzes den Charakter des Frühlingshaften, des frischen, gut gelaunten Wanderns. Allzu gemächlich geht es hier vo-ran, und auch dem »Durchbruch« fehlt das Moment des Kathartischen. Angemessen rau und schlecht gelaunt erklingt der Solokontrabass zu Beginn des dritten Satzes, in parodierter Agonie schleicht der Trauermarsch dahin. Da ­rüber könnte man sich freuen, stellten die Klezmer-Epi ­soden, in der wohl erstmals in der Geschichte der Sinfonik das Element des Trivialen sich Raum verschafft, den geforderten harten Kontrast dar. Doch Eschenbach zeichnet auch hier eher weich und verspielt damit eine Chance, denn so wohlgesittet, wie die Passagen hier klingen, hat sie sich Mahler garantiert nicht vorgestellt.

Da Dutzende von Einspielungen des Werks vorliegen, muss man schon ein besonderer Fan von Eschenbach sein, um zu der vorliegenden zu greifen – trotz all ihrer unbestreitbaren Qualitäten. Daran vermag auch Christine Schä ­fers nicht unsympathische Interpretation der »Rückert-Lie ­der« nur wenig zu ändern.

Thomas Schulz