Zu Herzen gehend

Märchen mögen Zufluchtsorte der Fantasie in einer unbehausten, verheißungslosen Welt sein – herzwärmend sind viele von ihnen nicht. Auch jenes von den »Königskindern« ist grau ­sam und zugleich sehr heutig: Das Lie ­bespaar, ein naiver Königssohn und eine von einer Hexe großgezogene Gänse ­magd, geht an Habgier und Egoismus der Menschen zugrunde. Nur einige we ­nige reinen Herzens – Kinder und der Spielmann, ein Außenseiter – sehen ihnen ins Innere; Letzterer (hier in Chris ­tian Gerhahers wunderbarer Inter ­pre ­tation) prägt den Schluss des Stücks: »Fühlt aus dem Tode sie auferstehn und leuchtend in eure Herzen gehn: Die Königskinder.«

Das Textbeispiel mag möglicherweise auch erklären, warum dieses Werk trotz seiner bemerkenswerten Partitur (und trotz eines triumphalen Erfolgs bei der Uraufführung 1910 an der Met) nie wirklich ins Repertoire einging: Zu gewollt naiv scheint das Libretto von Ernst Rosmer (recte Elsa Bernstein), zugleich von überhochmetztem Symbolismus strotzend. Engelbert Humperdinck hatte das Stück ursprünglich als Melodram geplant und erst später zur großen, durchkomponierten Märchenoper gewandelt, rettete jedoch aus der Erstfassung eine sprachorientierte Prosamelodik herüber. Vor allem aber spricht das Orchester, und Ingo Metzmacher lotet mit dem DSO Ber ­lin in diesem Mitschnitt einer konzertanten Aufführung die Raffinesse der Partitur, ihren Farbenreichtum in allen Nuan ­cen aus. Juliane Banse singt die Gän ­semagd mit warmem, innigem Ton, während Klaus-Florian Vogts sehr helles Timbre dem kindlich-naiven Cha ­rak ­ter des Königssohns entspricht. Groß ­artig wie erwähnt der Spielmann von Christian Gerhaher; Gabriele Schnaut sorgt für adäquate Hexentöne.

Gerhard Persché

Engelbert Humperdinck

Die meisten verbinden den Komponisten Engelbert Humperdinck mit seiner Märchenoper »Hänsel und Gretel«, die 1893 in Weimar uraufgeführt wurde. Dass sein Schaffen neben weiteren Opern auch eine ganze Reihe von Orchester- und Kammermusikwer ­ken sowie zahlreiche Vokalwerke aufweist, ist den wenigsten bekannt. Neben seiner kompositorischen Tätig ­keit war der gebürtige Siegburger auch als Lek ­tor, Musikkritiker, Herausgeber und Pädagoge tätig.