Souverän gelassen

Bruno Walter hatte während seiner Zeit als Gewandhaus-Kapellmeister eine Mahler-Tradition in Leipzig begründet, deren jüngstes Kapitel Riccardo Chailly wesentlich bestimmt. Nun liegt im Rahmen seines Sinfonien-Zyklus die Neunte wahlweise als DVD oder Blu-ray vor. Chaillys Mahler-Bild hat sich seit seiner Amsterdamer Zeit beim Concertgebouw nicht grundlegend verändert, wohl aber verfeinert. Mit den Leipzigerin lebt dieser Mahler, vom Italiener mit gelassener Konzentration dirigiert, von einer mal unverkrampft-heiteren Spielfreude, mal – wie im dritten Satz – von Risikolust und schroffer Bissigkeit, mal von einer sphärischen Nachdenklichkeit. Jede Stimme bleibt, selbst im tumulthaften Tutti, gut erkennbar, während das Ganze zu einem homogenen Gesamtklang verschmilzt. Eine höchst eindringliche, plastische Aufführung, von großem Atem und einer Fülle an Details geprägt. Nicht zu verachten das Bonus-Material: Schade, dass das Gespräch zwischen Chailly und Henry-Louis de La Grange, dem großartigen Pariser Mahler-Biographen, nicht länger als eine Viertelstunde dauert. Hier begegnen sich zwei Enthusiasten, die sich nicht im Elfenbeinturm verlieren, sondern die über Mahlers Musik plaudern, dass das Zuhören eine Freude bereitet. Auch der zweite Mini-Film, in dem Chailly im Toblacher Mahler-Häuschen seinen Zugang zur Neunten erklärt, ist mehr als schmückendes Beiwerk.

Christoph Vratz