„Scherben“ ist die neunte Folge der mit Arbeiten von Gerhard Richter veredelten „Edition Musikfabrik“ in Anlehnung an das gleichnamige Stück von Enno Poppe betitelt, sie könnte aber ebenso gut „Notes on Light“ heißen, so vielfältig sind die Licht-Situationen in dieser Auswahl immens klangsinnlicher und farbenfreudiger Ensemblestücke.

Schon Jonathan Harveys „Sringara Chaconne“ (2008) ist ein Kraftwerk schillernder Ensemblekultur, das mit impressionistisch flirrenden Klangspektren beginnt und im Verlauf eine rastlose Dramatik entwickelt, um der „Liebe“ Ausdruck zu verleihen, wie sie als „Sringara“ ein zentraler Teil der klassischen indischen Kunsttheorie ist. Fluoreszierende Beziehungen, die als individuelle Kraftzentren erscheinen, mal aufbrausend (mit markigem Schlagzeugeinsatz), mal lianenartig verschlungen, am Ende als transzendente Überhöhung.

Auch in Kaija Saariahos fünfsätzigem Cellokonzert „Notes on Light“ (2006/10), herrscht ständiger Beleuchtungswechsel. Solistin Agnieszka Dziubak verleiht dieser unwirklichen Zwischenwelt aus Wachen und Träumen, Licht und Schatten scharfe Konturen und bekommt nicht nur im abschließenden „Heart of Light“ reichlich Gelegenheit zur Elegie. Enno Poppe freilich ist weniger an mystischer Klangpoesie als an der Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen interessiert. Der Name ist Programm: „Scherben“ (2000/08) ist ein Scherbenhaufen zahlloser Einzelteile, die manchmal so in- und aneinandergefügt sind, als spiele jeder für sich. Ein wuseliges Durcheinander diverser Klang-Floskeln, die sich zum Tumult verdichten oder zum Bebopartigen Unisono erstarren können.

Höhepunkt dieser Folge aber ist Emmanuel Nunes´ grandioses „Chessed I“­ (1979/2005), das in der solistischen Verdichtung der Texturen und Klangvaleurs extreme Anforderungen stellt. Die Musikfabrik entfesselt in diesem höllisch komplexen Organismus eine fantastische Energie!

Dirk Wieschollek