Die Macht der Musik

Kent Nagano, seit 2006 Chefdirigent des Sinfonieorchesters von Montréal, spürt den Querverbindungen zwischen Beet ­ho ­vens »Eroica« und der rund vier Jahre früher entstandenen Musik zu dem heroisch-allegorischen Ballett »Die Geschöpfe des Prometheus oder die Macht der Mu ­sik und des Tanzes« nach. Abgesehen davon, dass der Komponist in beiden Wer ­ken den gleichen schlichten (und gänzlich unheroischen) Kontretanz verwendet (der auch den Klavier-Variationen op. 35 zugrunde liegt), deutet einiges darauf hin, dass Beethoven – wie viele seiner Zeit ­ge ­nossen – in dem ursprünglichen Wid ­mungsträger der Sinfonie, Napoleon, die Inkarnation jenes mythischen Helden sah, der den Göttern das Feuer stahl, um seinen Geschöpfen Leben und Verstand einzuhauchen. Doch um sie zu kompletten Menschen zu machen, bedarf es dazu der Gefühlsregungen, die durch die Kunst geweckt werden. So feiert die Musik des Balletts in erster Linie sich selbst, was letzt ­lich auch auf die Sinfonie zutrifft. Im ­merhin zeigt die Änderung der Widmung (»um das Andenken eines großen Mannes zu feiern«), dass es Beethoven weniger um die Person Napoleons als um Ideen ging, die er anfänglich durch den »Prometheus der Epoche« verkörpert sah.

Nagano dirigiert sowohl die »Eroica« wie die fünf Nummern aus der Ballett ­musik stürmisch und mit der ihm eigenen Eleganz – wenn auch nicht immer überzeugend phrasiert. Soweit man es dem sehr kompakten Klangbild entnehmen kann, brilliert das kanadische Orchester in allen Gruppen. Als Bonus bietet die CD einen Text des kanadischen Autors Yann Martel zum Prometheus-Mythos, den man am Computer herunterladen kann, gelesen von dem Schauspieler Lambert Wilson auf Englisch und Französisch.

Peter T. Köster