Musikhandlung

Es ist ganz allein Schostakowitschs Mu ­sik, die aus der etwas vulgären, durch ­aus auch abstoßenden »Sex and crime«-Geschichte der Katerina Ismai ­lowa als einer Lady Macbeth von Mzensk ein ergreifendes Psychodrama mit ebenso tragischen wie skurril-sarkastischen Zügen macht. Seine Musik verwandelt die groben Charaktere der han ­delnden Protagonisten – des gewalttätig-herrischen Kaufmanns Boris, seines feigen, schwächlichen Sohnes Sinowi, dessen unglücklicher und ungeliebter Frau Katerina oder des zynisch-nichtsnutzigen Hausknechts Sergej – in leidende, gedemütigte, drangsalierte, verhöhnte, sich nach Glück sehnende Menschen, denen die schrecklichen Verhältnisse, in denen sie leben müssen, Würde und Selbstachtung verweigern.

In kaum einer anderen Oper ist der Zwiespalt zwischen der rohen, geradezu zwanghaft ablaufenden äußeren Hand ­lung und dem sich im Inneren der Han ­delnden sprachlos ausdrückenden Leiden mit größerem Nachdruck ausgestaltet. Dabei bleibt die Musik in jedem Moment beredt und verständlich, ohne etwa, was bei den Chorszenen nahegelegen hätte, volksmusikalische Intonatio ­nen aufzugreifen.

Schostakowitsch verwandelt vielmehr melodische, rhythmische, harmonische oder klangfarbliche Gestaltungsmittel in eindringliche und suggestive Aus ­drucks ­träger. Und diese werden in der hier vorge ­legten Live-Aufführung der Wiener Staatsoper intensiv ausgespielt: vom Or ­chester der Staatsoper, dessen Klangkul ­tur und Präsenz kaum zu übertreffen sein dürfte, und von einem grandiosen Sän ­ger ­ensemble, das mit beherrschter Emo ­tio ­nalität die Zwiespältigkeit der Charaktere musikalisch fühlbar werden lässt. Ingo Metzmacher pointiert dabei stets die musikalisch-dramatische Situation und »objektiviert« in den rein orchestralen Zwi ­schenspielen die Ausdrucks ­gestal ­tung fast schon sinfonisch. In dieser musikalisch beeindruckenden Auffüh ­rung drückt die Musik in einer Weise, wie es nur ihr möglich ist, die innere Handlung aus, welche die erschreckende Rohheit und brutale Lieblosigkeit der äußeren erträglich macht. Da können auch die unvermeidlichen polternden Bühnen ­geräusche nicht mehr stören.

Giselher Schubert