Souverän-lässig

Julia Schröders Interpretation der Violinso ­na ­ten von Händel balanciert akrobatisch auf dem Grat zwischen zupackend-volkstümlich und elegant-kultiviert. Das kann sie, weil sie eine hervorragende Instrumentalistin ist, die als Kon ­zert ­meisterin des Baseler Kammeror ­ches ­ters sowohl in der historischen Aufführungs ­praxis wie auf der modernen Geige firm ist. Elegant heißt z. B. im Abschluss-Allegro der D-Dur-Sonate HWV 371, dass sie die Läufe in perfekter Intonations ­ge ­nauigkeit setzt und mit untrüglichem Gespür für das richtige rhythmische Maß – weder zu schnell noch zu langsam – spielt; volkstümlich heißt, dass sie sich aber auch getraut, die Töne hier und da nur anzureißen, anzuschleifen, plötzlich ein Pizzicato dazwischenzuwerfen wie schottischer Fiddler.

Solche Freiheiten wirken umso stärker, je mehr die eigentliche geigerische Kunst sonst waltet. Das eigentliche Novum der Platte sind aber die Improvisationen, die Julia Schröder und ihre Con ­ti ­nuogruppe zwischen den Einzelsätzen der sechs Sonaten und zwischen den Sonaten selbst platzieren. Am Ende des langsamen Eingangssatzes der d-Moll-Sonate HWV 359a hört man lange schweifende Tonfolgen mit Glissandi, Tonrepetitionen, Echo ­effekte, dann plötzlich leise aus dem Hin ­ter ­grund Ak ­kord ­brechungen des Zupfinstru ­ments, das den Groove für das dann gleich beginnende Allegro angibt. Und nach dem Schluss ­satz kommt ein fast romantisches Geigensolo, das zum nächsten Werk auf der CD, der g-Moll-Sonate HWV 364 überleitet, so das alles wie aus einem Guss klingt. Welchen Anteil die Continuogruppe an dem souverän-lässigen Eindruck hat, den diese Musik ausstrahlt, kann man an dem gigueartigen Satz dieser Sonate hören. Cembalo, Laute und Cello nehmen die Geigerin auf ihre musikalische Bahn, geben das Tempo und die Nuancen sanft, aber nachdrücklich vor, man spürt den Puls, aber er wird nicht eingehämmert.

Richard Lorber